13. Oktober 2017, 19:31 Uhr

Mehr als ein Klassentreffen

13. Oktober 2017, 19:31 Uhr
Finale für die Literaten: der Vorsitzende der Gruppe 47, Hans Werner Richter, 1967 vor der Pulvermühle in Waischfeld/Oberfranken, wo sich die Mitglieder vor 50 Jahren zum letzten Mal trafen. (Foto: dpa)

Bei schönem Wetter rauschen die Ausflügler mit dem Auto oder dem Motorrad vorbei. Bei Regen, wenn die Wolken zwischen den Felsen hängen, ist es trist. Dass in diesem Gasthof am Ufer des Flüsschens Wiesent vor 50 Jahren Literaturgeschichte geschrieben wurde – wer weiß das heute schon, wenn er einen Ausflug oder einen Kurztrip in die Fränkische Schweiz zum Wandern oder Klettern unternimmt?

Hier, im Gasthof »Pulvermühle«, tagte im Oktober 1967 die legendäre Gruppe 47 zum letzten Mal. Ein zweitägiges Festival in der Kleinstadt Waischenfeld an diesem Wochenende ist nun der Gruppe 47 gewidmet. Sofern es die Gesundheit zulasse, hätten die meisten der noch lebenden Teilnehmer von damals ihr Kommen zugesagt, sagt Organisatorin Karla Fohrbeck stolz: »Sie freuen sich alle aufeinander.« Einige Mitglieder derGruppe trafen sich auch schon 1972 in Berlin und 1977 in Saulgau.

Auch junge Autoren eingeladen

Die ehemalige Kulturreferentin der Stadt Nürnberg glaubt indes nicht, dass die Begegnung in Waischenfeld nach 50 Jahren ein sentimentales Klassentreffen wird – vielmehr gehe es den Teilnehmern nach wie vor um Literatur. »Jeder will lesen. Einige gestalten auch zwei Lesungen.« In den Briefen und E-Mails, die sie als Rückmeldung auf ihre Einladung bekommen habe, habe es fast immer geheißen: »Was für eine tolle Idee!« Nicht nur die alten Kämpen der Gruppe 47 sind nach Waischenfeld eingeladen, sondern auch junge Autoren wie Nora Bossong. Jung und Alt sollen miteinander ins Gespräch kommen auf Podien, bei Lesungen oder im Literatencafé. Hans Magnus Enzensberger wird ebenso erwartet wie Friedrich Christian Delius und Jürgen Becker, der vor 50 Jahren in der »Pulvermühle« den letzten Preis der Gruppe 47 gewann.

Dass die Gruppe sich einst an einem so abgelegenen Ort traf, gehörte zum Konzept der Literatenvereinigung, die offiziell ja eigentlich gar keine war. Hans-Werner Richter (1908–1993) lud stets persönlich per Postkarte ein. Man wollte abseits der Metropolen sein, sich auf die Literatur, die Sprache, die Diskussion konzentrieren: engagierte Autoren, die die Erfahrung Diktatur, Krieg und Trümmer verarbeiten mussten. Namen wie Günter Grass, Heinrich Böll, Martin Walser, Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger waren die Aushängeschilder der Gruppe 47.

1968 dann das Aus der Gruppe. »Im Grunde war sie ein Opfer ihres Erfolgs: Seit Ende der 50er Jahre monopolisierte sie den Literaturbetrieb, die Tagungen wurden zu Events, und viele der bekanntesten Autoren wollten sich dieser Öffentlichkeits- und Marketingmaschinerie nicht mehr unterziehen.« Auch die politische Bedeutung als »literarische Opposition« in der Adenauer-Zeit habe sich mit Willy Brandts Kanzlerschaft überholt, bilanziert der Literaturkritiker Helmut Böttiger: »Ihre Zeit war vorbei.«

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