03. Januar 2020, 21:06 Uhr

Krieg ohne Gewinner

Das British Museum zeigt eine neue Sicht auf den weltumspannenden Mythos Troja. Abgesehen von der Bibel gibt es keine größere, weltumspannendere Geschichte als diese Fabel von dem Krieg, der die sagenhafte Stadt in Schutt und Asche legte.
03. Januar 2020, 21:06 Uhr
Avatar_neutral
Von DPA

Universelle Themen wie Krieg und Frieden, Heroismus und Gewalt, Liebe und Verlust, Hoffnung und Verzweiflung. Den Göttern nahe stehende Menschen aus grauer Vorzeit, deren Taten und Emotionen doch klingen wie die von Messerstechern und Eifersuchtsmördern des 21. Jahrhunderts. Schließlich eine 2500 Jahre umspannende Rezeptionsgeschichte. Es gibt wohl, mal abgesehen von der Bibel, keine größere, weltumspannendere Geschichte als die Fabel von Troja und dem Krieg, der die sagenhafte Stadt in Kleinasien ebenso in Schutt und Asche legte wie den Ruf ihrer Zerstörer.

Viele Fragen bleiben wohl auf Dauer unbeantwortet. Wo genau lag diese Stadt? Wann geschah der Krieg? Und: Gab es ihn überhaupt, oder wurden nicht Jahrhunderte nach den geschilderten Ereignissen mündlich überlieferte und ganz unterschiedliche Berichte verschriftlicht und zu einem vermeintlich einheitlichen Geschehen zusammengespannt?

Da liegt der Ausweg nahe, den die Verantwortlichen im British Museum gegangen sind: Ihre große Winterschau nennen sie »Troja - Mythos und Realität«. Nüchtern schildern sie die Fragen, die rund um den Ausgrabungsort nahe der Dardanellen in der Nordwest-Türkei kreisen und gewiss weiterhin kreisen werden. Feinsinnig wird unterschieden zwischen der Realität einer Stadt Troja und dem keineswegs bewiesenen trojanischen Krieg. Detailliert werden Verdienste und Fehler des deutschen Geschäftsmanns und Archäologen Heinrich Schliemann dargestellt, dessen in den 1870er Jahren ausgegrabenen Schätze er einst dem British Museum anbot und die nun, 150 Jahre später, als Leihgabe der Staatlichen Museen zu Berlin in London zu sehen sind.

Viele Details, eine faire Balance. Das eröffnet Besuchern die Möglichkeit, den Streit der Wissenschaftler von sich abzustreifen und einfach nur zu staunen: über die Grausamkeit der antiken Götter, die den zehnjährigen Krieg vom Zaun brachen; über die Klarheit, mit der eine gut 2600 Jahre alte Dichtung menschliche Motive wie Liebe, Eifersucht, Zorn und Freundschaft benennt und abwägt.

Beinahe 300 Objekte haben die Macher zusammengetragen, von einem Terracottatopf aus der Bronzezeit über die filigrane Darstellung des Odysseus und der Sirenen auf einer Vase aus dem 5. Jahrhundert vor Christus bis hin zur Verarbeitung des Mythos von viel späteren Künstlern: die hinreißende Skulptur des sterbenden Achilles, den tödlichen Pfeil in der sprichwörtlichen Ferse umklammernd, von Filippo Albacini (1777-1858) beispielsweise oder die moderne Interpretation des Parisurteils nach Rubens durch die 1935 geborene US-Künstlerin Eleanor Antin.

Wem liefe nicht ein Schauer über den Rücken bei Betrachtung des knapp 2000 Jahre alten silbernen Bechers: Er zeigt die berühmte Szene, in der Trojas alter König Priamos dem zornigen Danaer Achilles die Hand küsst, um die Herausgabe der geschundenen Leiche seines Sohnes Hector zu erlangen. Schlaglichtartig wird das Grauen des Krieges deutlich. Reihenweise hat Achilles im Blutrausch die Trojaner massakriert. »Gefangene werden nicht gemacht«, hallt sein schauerlicher Schlachtruf durch die Kriegsgeschichte bis zu Kaiser Wilhelm II. (»Pardon wird nicht gegeben«). Dem Priamos gegenüber aber findet der Massenmörder seine Menschlichkeit zurück, händigt die Leiche aus und beginnt die letzte Phase seines Heldenlebens.

Hartwig Fischer, der Direktor des British Museu, sagt: Der Krieg kennt keine Gewinner«, und benennt damit so etwas wie das Leitmotiv der Ausstellung. FOTO: CHATSWORTH HOUSE

,, Gefangene werden

nicht gemacht



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos