23. Oktober 2017, 22:10 Uhr

Konzentration auf das Wesentliche

23. Oktober 2017, 22:10 Uhr
Michael Köckritz als Marc Anton. (Foto:mt)

Im Stroboskop-Blitzlicht tötet Brutus den Caesar. Es sind gelungen inszenierte und technisch arrangierte Szenen, die Regisseur Jonas Schneider dem Shakespeare’schen Stück »Julius Caesar« da abgewinnt. Mehr noch: Die Tragödie regt das Publikum doch hier und da zum Schmunzeln und zu verhaltenem Lachen an. Etwas, das Shakespeare hier gar nicht vorgesehen hatte, im klassischen Stück um Macht und Intrige, das Fortbestehen republikanischer, vordemokratischer Herrschaft gegen Diktatur und Tyrannei. Cassius (gespielt von Maximilian Heckmann) hängt kurz die Notbeleuchtung der »Black Box« des Marburger Landestheaters ab. Die 100 Zuschauer sitzen nun gespannt in absoluter Dunkelheit, dann folgen in Stroboskop-Blitzen Stillleben der Tat: Das Herannahen, das Erheben der Waffe, das Zustoßen, Caesar liegt am Boden, Jubel, Cassius zeigt im Übermut sein Gesäß. Lachen.

Neben Maximilian Heckmann brillieren Angelina Häntsch in der Rolle des Brutus und Michael Köckritz, der zunächst den Caesar spielt und nach dessen Tod den Marc Anton, als Caesars Nachfolger. Solchermaßen von einem Dutzend Schauspielern in Shakespeares Originalversion auf drei reduziert, konzentriert sich das Stück auf das Wesentliche: Die Verteidigung der Römischen Republik durch Brutus, der den absehbar tyrannischen Caesar beseitigt und doch das Gegenteil erreicht. Mit dessen Tod wird das Kaisertum und die Diktatur erst ermöglicht.

Durch das reduzierte Personal gewinnen auch Bühnenbild (Marlene Lockemann), Kostüme (Magdalena Vogt) und die musikalische Begleitung deutlich an Gewicht. Das hebt die Inszenierung auf hohes Niveau. Die Schauspieler sind auf Laufstegen unterwegs, die Mustern des Kolosseums in Rom nachempfunden sind. In den Abgründen dazwischen stehen Mikrofone für Verlautbarungen, Reden und anderes Erbauliches. In einem Laufstegzwischenraum arbeitet Oli Friedrich am Schlagzeug. Er untermalt die Szenen – Trommeln für den Kampf, Pauken für den Tod. Durch das fein synchronisierte Zusammenwirken des Perkussionisten mit den Schauspielern, deren Dialogen und Bewegungen, gewinnt die Inszenierung an atemberaubender Dynamik. Ohne Percussion wäre hier alles nichts.

Schön sind feine Details arrangiert. Die Farben der Augenlider entsprechen der der Bekleidung der Schauspieler. Und Michael Köckritz deklamiert den Caesar mit einer Ruhe und Eleganz bis hin zur Arroganz, die Respekt abringt. Die einzige Länge hat das 90-minütige Stück vielleicht an der Stelle, an der sich Brutus und Cassius auseinanderbewegen. Doch da stecken die Schauspieler schon brusttief in den Abgründen neben den Stegen. Sie verlieren sich in Bürgerkriegen. Der Kampf geht verloren.

Das Stück über Macht und Moral ist hochaktuell in Zeiten von Trump, Erdogan, Putin und anderen Machtmenschen. Wie verlässlich ist die Demokratie, wie gefährlich sind totalitäre Strömungen? Die Inszenierung hält sich hier aber vornehm zurück. Es gibt keine Anspielungen.

Der Erstling von Jonas Schneider wurde mit viel Applaus bedacht. Bislang hatte der 29-jährige Regisseur nur kleinere Performances im Rahmen der experimentellen »Wilden Schwäne« in Marburg inszeniert oder an ihnen mitgewirkt. Mit »Julius Caesar« hat er gezeigt, dass er durchaus auch das Potenzial hat, großes Theater modern und anregend zu gestalten. Martin Schäfer

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