11. Juni 2017, 21:28 Uhr

Klingt nicht nach Abschied

Arthritis, Schlaganfall – die Herren von Deep Purple kommen in die Jahre. Aufhalten lassen sich die Hardrock-Pioniere davon aber nicht. Auf ihrer Welttournee machten sie am Samstag Halt in Frankfurt. War es wirklich das letzte Mal »Smoke on the Water« in der Mainmetropole?
11. Juni 2017, 21:28 Uhr

Drummer Ian Paice (68), einzig verbliebenes Gründungsmitglied von Deep Purple, hatte letztes Jahr einen Mini-Schlaganfall. Der seit 23 Jahren »neue« Gitarrist Steve Morse (62) klagt über Arthritis in der Hand – nicht schön für Saitenflitzer wie ihn. Auch Sänger Ian Gillan (71) kokettiert mit seinen Zipperlein. Sollte es tatsächlich die letzte Gelegenheit sein, die Hardrock-Pioniere in Frankfurt auf der Bühne zu erleben? Das Motto »The Long Goodbye Tour« lässt das Schlimmste befürchten. In »Get Me Outta Here« vom neuen Album singt Gillan »Auf Wiedersehen, Darling«. Andererseits: Das neue Werk heißt »infinite« (Unendlich) und wird wegen seiner Kraft und Frische gelobt.

Die Band hat zudem in etlichen Interviews erklärt, dass die Musik zwar unendlich sei, nicht jedoch der menschliche Körper. Insofern sehe man die aktuelle Welttournee als wahrscheinlich letzte Megatour. Ein reiner Werbeschachzug à la Scorpions mit ihrer unglaubwürdigen »Letzte Tour«-Taktik ist also nicht zu befürchten. Vor allem aber: Auf der Bühne zeigen sich die vier Briten und der eine Amerikaner (Morse) nach wie vor fit wie der sprichwörtliche Turnschuh. Am Samstagabend in der Festhalle gaben sie bestgelaunt ein fast zweistündiges Konzert mit einem klugen Mix aus neuerem Material sowie den alten Klassikern.

Purple legen mit »Time for Bedlam« mächtig los und spielen später noch drei weitere neue Stücke und zwei vom Vorgängeralbum. Das geht zwar auf Kosten des üblichen Openers »Highway Star«, aber es ist schön, dass die Band den Mut hat, sich auch nach fast 50 Jahren nicht auf die Rolle als eigene Tribute Band zu beschränken. Die neuen Songs wie »Johnny’s Band« als augenzwinkernde Hommage an Uralt-Gruppen und ihre Comebackversuche oder das dreiteilige, ebenso spannende wie hoch melodische »The Surprising«, kommen erstaunlich gut an. Aber die alten Schlachtrösser wie »Strange Kind of Woman« oder die unvermeidliche Schlussnummer »Smoke on the Water« werden dann doch ein bisschen enthusiastischer bejubelt.

Über allem thront wahrhaft majestätisch der auch schon 33 Jahre alte Spätklassiker »Perfect Strangers«, der vor allem Tastenmagier Don Airey Raum zum Glänzen gibt. Dessen kraftmeierndes, von Klassik über Progrock-Gedröhn bis zum »Deutschlandlied« waberndes Solo ist seit Jahrzehnten (auch schon unter Vorgänger Jon Lord) ein unnötiger Fixpunkt im Programm. Ian Paice bekommt kein Solo, aber die breite Videowand zeigt ihn am Ende fast jeden Songs in Nahaufnahme: er ist immer noch der Hardrockdrummer mit dem besten Swing im Wumms. Big Ian (Gillan) ist prima bei Stimme, auch wenn seine Markenzeichenschreie etwas dosierter kommen und er vor allem in den tieferen Lagen der neuen Stücke überzeugen kann. Bassist Roger Glover, gut gelaunt wie immer, hat sein Solo wie gewohnt direkt vor der letzten Zugabe »Black Night«.

Virtuos-lustvolles Improvisieren

Erst in den genüsslich ausgedehnten Nummern kurz vor Schluss, vor allem im wunderbaren Ping-Pong-Duett zwischen Don Airey und Steve Morse in »Hush«, Purples erstem Hit, kommt das zum Tragen, wofür Deep Purple immer standen: virtuos-lustvolles Improvisieren. Morse indes – das wird immer wieder deutlich – ist zwar ein begnadeter Gitarrist, aber der Blues geht ihm völlig ab. Bei »Lazy« wünscht man sich tatsächlich Stinkstiefel Ritchie Blackmore für einen Moment zurück. Alles in allem: schwer vorstellbar, dass man diese lebendige Band dort, wo sie am besten ist – auf der Bühne – vielleicht nicht mehr erleben wird.

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