05. November 2017, 17:58 Uhr

Kein Licht im Wort-Dschungel 4,2 Millionen Besucher auf Plaza der Elbphilharmonie Dreh in Norwegen für »Mission Impossible« Ai Weiwei: »Ich bin kein Berliner« Elfriede Jelinek für Lebenswerk geehrt Paula Beer hat Chancen

Das letzte Mal holte Deutschland den Preis für den besten europäischen Film. In diesem Jahr ist in der Königskategorie keine deutsche Produktion dabei. Chancen auf eine Trophäe hat dafür eine bereits gefeierte Schauspielerin.
05. November 2017, 17:58 Uhr
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Von Marion Schwarzmann
Sebastian Muskalla beschwört den Sinn seines Textes. (Foto: Daniel Angermayr)

Nach der Premiere platzt es aus einer Zuschauerin im Foyer heraus: »Heiner Müller braucht kein Mensch.« Wohl wahr, bleibt einem doch der Sinn dieser Inszenierung von »Der Auftrag« am Landestheater Marburg über weite Strecken verschlossen. Und Regisseurin Oda Zuschneid gelingt es nicht, Müllers Versatzstücke zu einem schlüssigen Ganzen zu vereinen. Im Gegenteil: Ihre durchaus fantasievollen Figuren bleiben bewusst rätselhaft. Sie kreiert seltsame Bilder, denen zwar gelegentlich etwas Poetisches anhaftet, die jedoch unbefriedigend ins Leere laufen.

Der Autor versammelt in seiner »Erinnerung an eine Revolution«, die er einst in eigener Regie 1979 an der Ost-Berliner Volksbühne herausbrachte, drei Personen, denen zurzeit der französischen Revolution der Auftrag abhanden kommt, auf Jamaika einen Sklavenaufstand zu organisieren. Denn in der Heimat wurde die Regierung inzwischen von Napoleon abgelöst. Aber ist damit ihre Mission tatsächlich beendet? Hat die Sklaverei nicht weiterhin Bestand und muss deshalb bekämpft werden?

Galloudec, Debuisson, Sasportas – ein Bauer, ein Arzt, ein Schwarzer – philosophieren nun über das Leben, diskutieren das Für und Wider ihrer Berufung. Jan Preißler, Sebastian Muskalla und Oda Zuschneid – drei Vollprofis, die gekonnt mit Heiner Müllers kopflastigen Texten jonglieren, in sonderbare Kostüme (Ausstattung: Daniel Angermayr) schlüpfen, um Verständnis ringen – und dennoch nicht wirklich Licht in den WortDschungel bringen können. Gedanken in Endlosscheifen, von Preißler mit hämmerndem Sound an der E-Gitarre in Rhythmus gebracht, verpuffen wie Seifenblasen.

Ratloses Publikum

Der Laborcharakter wird noch durch den Einsatz eines jugendlichen Laien unterstrichen. Tibor Muth hat als Mann im Fahrstuhl, der auf dem Weg zu seinem Chef nach oben ist, einen aberwitzigen Monolog zu bewältigen – da hilft nur immer wieder der rettende Blick aufs Blatt.

In dieser 105-minütigen, pausenlosen Aufführung bleibt nichts irgendwie fassbar. Sie wirkt wie eine gekünstelte Performance von Theaterwissenschaftlern und lässt beim höflich applaudierenden Premierenpublikum am Samstagabend nur Ratlosigkeit zurück. Marion Schwarzmann

Rund 4,2 Millionen Menschen haben die Aussichtsplattform der Hamburger Elbphilharmonie im ersten Jahr besucht. Die mit einem Gratisticket zugängliche Plaza in 37 Metern Höhe hat am Samstag ihren ersten Geburtstag gefeiert. »Das ist ein ganz tolles Wahrzeichen für Hamburg«, sagte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD). Rund 660 000 Plaza-Besucher hatten nach Angaben der Kulturbehörde auch ein Konzertticket.

»Mit der Elbphilharmonie hat die Kultur einen festen Platz im Herzen der Stadt bekommen«, sagte Kultursenator Carsten Brosda (SPD). Die Gäste wollten nicht nur die Plaza sehen, sondern hätten das ganze Haus angenommen. Hamburg erlebe derzeit seine Wiederentdeckung als Kulturstadt. Intendant Christoph Lieben-Seutter erklärte: »Die ungebrochene Begeisterung der Besucher aus nah und fern ist eine große Freude und Bestätigung für alle, die jahrelang für das Projekt gearbeitet haben.«

Eine von Norwegens bekanntesten Touristenattraktionen bekommt eine Rolle im neuen »Mission Impossible«-Actionthriller mit Tom Cruise. Auf der Felsplattform Preikestolen luden Helikopter die Ausrüstung für die Dreharbeiten ab. Der Preikestolen – oder Predigtstuhl – ist eine 604 Meter hohe Felsplattform, die in Westnorwegen über den Lysefjord ragt. Wegen der spektakulären Aussicht gehört der Felsen zu den bekanntesten Ausflugszielen des skandinavischen Landes.

Die Dreharbeiten sollen in der kommenden Woche beginnen, sagte ein Sprecher des Helikopter-Transportunternehmens Nord Helikopter. Bis zum geplanten Ende der Filmarbeiten am 12. November ist der Preikestolen für Touristen gesperrt. Ursprünglich waren die Dreharbeiten in London für September geplant, wurden aber verschoben, nachdem sich Hauptdarsteller Cruise (55) verletzt hatte. Der sechste Teil der Action-Reihe um Agent Ethan Hunt soll kommendes Jahr in die Kinos kommen.

Der in seiner Heimat verfolgte chinesische Künstler und Aktivist Ai Weiwei ist sehr dankbar, in Berlin eine sichere Bleibe bekommen zu haben – Zuhause fühlt er sich an der Spree dennoch nicht. »In Deutschland wurde ich großzügig empfangen, man gab mir einen Professorentitel, aber ich spreche kein Deutsch, bin kein Berliner«, sagte der 60-Jährige der »Berliner Morgenpost« (Sonntag). »Es ist sicher, komfortabel und gut. Aber trotzdem kann ich es nicht Zuhause nennen«, sagte der Künstler.

In seinem neusten Projekt, dem Film »Human Flow« (»Menschlicher Fluss«), beschäftigt sich Ai Weiwei auch mit Menschen, die kein Zuhause haben. Für die deutsche Co-Produktion reiste der Aktivist in Flüchtlingscamps in 23 Ländern. Er fühle sich den Menschen, die alles hinter sich lassen mussten, sehr verbunden. Der Film läuft in Deutschland ab dem 16. November in den Kinos.

Die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek (71) ist für ihr Lebenswerk mit dem Deutschen Theaterpreis »Der Faust« ausgezeichnet worden. Jelinek, die sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, war am Freitagabend wie erwartet nicht zur Preisverleihung nach Leipzig gekommen. Sie habe sich jedoch gewünscht, dass der Puppenspieler und Regisseur Nikolaus Habjan die Auszeichnung an ihrer Stelle entgegennimmt, hieß es. Habjan (30) kam mit einer Jelinek-Handpuppe auf die Bühne und ließ diese ihre Dankesrede sprechen.

»Der Faust« wurde im Schauspiel Leipzig in weiteren acht verschiedenen Kategorien vergeben. Nominiert waren Künstler und Produktionen von 22 Theatern in der gesamten Bundesrepublik. »Der Faust« ist eine undotierte Auszeichnung, die an Künstler verliehen wird, deren Arbeit als wegweisend für das deutsche Theater gilt.

Auch in der Kategorie der Schauspiel-Darsteller hat die diesjährige Preisträgerin eine Verbindung zu Jelinek. Karin Neuhäuser (62) wurde für ihren Part im Doppelstück »Wut/Rage« (Thalia Theater Hamburg) geehrt. Neuhäuser dankte der Österreicherin und nannte sie »eine der schärfsten Denkerinnen, die wir im Theater haben«. Allerdings gab sie auch zu, es sei die Hölle gewesen, den »Wut«-Text zu lernen.

Der Preis in der Kategorie Schauspiel-Regie ging an Johanna Wehner für »Die Orestie« (Staatstheater Kassel). Christoph Marthaler wurde für »Lulu« (Hamburgische Staatsoper) in der Kategorie Musiktheater-Regie geehrt.

Die deutsche Schauspielerin Paula Beer ist für ihre Rolle in dem Drama »Frantz« für den Europäischen Filmpreis nominiert worden. Die schon beim Filmfestival in Venedig gefeierte Beer (»Poll«) konkurriert in der Kategorie unter anderem mit den französischen Stars Isabelle Huppert (»Happy End«) und Juliette Binoche (»Meine schöne innere Sonne – Isabelle und ihre Liebhaber«), wie die Europäische Filmakademie am Samstag beim Filmfestival in Sevilla mitteilte.

Chancen auf einen Preis als bester Schauspieler hat der Österreicher Josef Hader für seine Rolle als Stefan Zweig in Maria Schraders Filmbiografie »Vor der Morgenröte«. Haders Konkurrenten sind der irische Hollywoodstar Colin Farrell (»The Killing of a Sacred Deer«) und der französische Altmeister Jean-Louis Trintignant (»Happy End«).

In der Kategorie Bester Dokumentarfilm geht die deutsche Produktion »Austerlitz« des ukrainischen Regisseurs Sergei Loznitsa an den Start. Loznitsa beobachtet in seinem Film Besucher von KZ-Gedenkstätten. Bereits bekannt waren die Anwärter in der Kategorie Beste Komödie, in der unter anderem der deutsche Flüchtlingsfilm »Willkommen bei den Hartmanns« von Simon Verhoeven im Rennen ist.

Nachdem im vergangenen Jahr Maren Ade mit ihrem Vater-Tochter-Drama »Toni Erdmann« den Preis für den besten europäischen Spielfilm gewann, hat Deutschland dieses Mal in der Königskategorie keine Chance. Filme von Regisseuren aus Frankreich, Schweden, Russland, Finnland und Ungarn gehen in der Sparte Bester Spielfilm an den Start. Dazu gehören der Berlinale-Gewinner »Körper und Seele« von Ildiko Enyedi und der Cannes-Gewinner »The Square« von Ruben Östlund, der außerdem auch Chancen auf die Trophäe in der Sparte Beste Europäische Komödie hat. Nominiert für den besten Spielfilm sind auch »Die andere Seite der Hoffnung« von Aki Kaurismäki, »120 BPM« von Robin Campillo und »Loveless« von Andrey Zvyagintsev.

Filmpreis-Anwärterin Paula Beer spielt in »Frantz« eine junge Frau, die kurz nach dem Ersten Weltkrieg in einem kleinen deutschen Dorf jeden Tag das Grab ihrer großen Liebe Frantz besucht. Dort begegnet sie einem jungen Franzosen, dessen Schicksal mit Frantz verstrickt ist. Beer erhielt für ihre Rolle in dem Film des Franzosen François Ozon bereits den Nachwuchspreis bei den Filmfestspielen in Venedig. Beim Europäischen Filmpreis ist Ozon für »Frantz« auch für das beste Drehbuch nominiert.

Über die Sieger in den einzelnen Kategorien stimmen nun die mehr als 3000 Mitglieder der Europäischen Filmakademie ab. Am 9. Dezember werden die Filmpreisgewinner bei einer Gala im Haus der Berliner Festspiele bekanntgegeben.



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