01. September 2019, 19:41 Uhr

Jung komponiert, spät gewürdigt

Mit frühen Britten-Liedern und Mahlers vierter Symphonie hat das Rheingau-Musik Festival glanzvoll seine 32. Saison beendet. In der Basilika des Kloster Eberbach elektrisierten vor allem zwei Frauen: Die litauische Dirigentin Mirga Gražinyte-Tyla und die sensible Fokus-Sängerin Christiane Karg.
01. September 2019, 19:41 Uhr
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Von Bettina Boyens
Führten die 32. Saison des Rheingau-Musik-Festivals zum abschließenden musikalischen Höhepunkt: Fokus-Sängerin Christiane Karg und Dirigentin Mirga Gražinyte-Tyla. (Foto: Ansgar Klostermann)

Festival-Chef Michael Herrmann war seine Zufriedenheit anzumerken, mit der er vor versammelter Kultur- und Polit-Prominenz die erneute Steigerung der Auslastungszahlen verkündete. Knapp 114 000 Besucher haben in den vergangenen Wochen das Angebot der 146 Konzerte genutzt und sich in den klingenden Klöstern, Burgen, Schlössern und Kurhäusern des Rheingau zu höchstem Kunstgenuss eingefunden. Damit lag die Auslastung bei 92,50 Prozent und übertraf sogar die des Jubiläumsjahrs 2017. Positiv auch die Bilanz des ausgerufenen Leitgedankens »Courage«, der ungewöhnlich deutliche, politische Bekenntnisse der Pianisten Igor Levit, Saleem Ashkar und Fazil Say zeitigte. Mit Daniil Trifonov als Artist in Residence und Christiane Karg als Fokus-Künstlerin waren zwei vielseitige Musikpersönlichkeiten im Dauereinsatz und mit der »Deutschen Kammerphilharmonie Bremen« erstmals ein Orchester im Brennpunkt. Sir Simon Rattle gab sein stehend gefeiertes Debüt und damit eins der drei Konzerte, die zum ersten Mal von der Telekom auf MagentaMusik 360 Klassik live gestreamt wurden.

Es war anschließend wie üblich Roland Koch als Kuratoriumsvorsitzender und hessischer Ministerpräsidenten a. D., der die humorvolle Überleitung zum Konzertbeginn übernahm. Benjamin Britten, so Koch launig, der seine »Quatre chansons françaises« im zarten Alter von 14 Jahren schrieb, habe ganze 50 Jahre auf die Veröffentlichung warten müssen, Zeit, »die aus der Sicht von Greta zu langwierig wäre«. Passend dazu wirkte Mirga Gražinyte-Tyla zwar nicht wie ein Teenager, dafür aber maximal wie eine Studentin, als sie sich anschließend am Pult vor ihrem City of Birmingham-Symphony-Orchestra in Stellung brachte. Die Überfliegerin, bereits mit 29 Jahren zur Musikchefin gewählt, ist mittlerweile 33 und selbst Mutter geworden. Tatsächlich aber umgibt sie immer noch ein Hauch der jungen »Greta«: Ernsthaft, überragend klar in den Gesten und temperamentvoll kompromisslos, wenn’s drauf ankommt. Die junge Frau aus Vilnius dirigiert so, wie sie aussieht: Ungeschminkt, schnörkellos, hochsensibel bis in die letzten Fingerspitzen ihrer winzigen, linken Hand und dabei innerlich vollkommen frei. Anfangs führte Christiane Karg bei ihrem letzten Fokus-Konzert das Publikum mit den Britten-Raritäten in raffinierte Erlebniswelten. Höhepunkt ist die erschütternde Schilderung in »L’enfance« (Die Kindheit), in der ein kleines Kind unschuldig im Bett neben der kranken Mutter singt und spielt, die schließlich ihrem Todeskampf erliegt. Ein bittersüßer Gesang, dessen Thematik nahtlos an Gustav Mahlers Vierte anschließt. Auch hier, in Mahlers beliebtester Symphonie, geben Brentano-Verse aus »Des Knaben Wunderhorn« die Grundstimmung vor. Dabei betonte die junge Dirigentin insgesamt das unschuldige Staunen der Komposition, gerade im letzten Satz »Wir genießen die himmlischen Freuden«, und räumte den bedrohlicheren, dunklen Aspekten des Werks keinen Vorrang ein. Gemeinsam mit dem samtenen Vortrag von Christiane Karg im letzten Satz lag der Schwerpunkt auf dem Strahlen, der Erhebung und der wundersam sich aufrichtenden, inneren Bewegung. Standing Ovations beschlossen verdient den großen Abschlussabend im Rheingau.



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