19. April 2017, 18:33 Uhr

Integration, die sich hören lässt

19. April 2017, 18:33 Uhr
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Aus der Redaktion

Die Stimmung im Frankfurter HR-Sendesaal köchelt bereits, da setzt Mustafa Kakour am Schluss noch eins drauf: »Allen Rassisten dieser Welt« widmet er seine Komposition. Ein Orchesterwerk nach dem traditionellen syrischen Liebeslied »Hal Asmar Ellon«. Der 32-jährige Flüchtling und einstige Horn-Student an der Universität Homs hat es extra für das Ausnahmekonzert geschrieben. Eine sinnliche, mitreißende Hommage an die Toleranz, komponiert für Chor- und Orchester, die Musik aller Ethnien und Religionen des geografischen Gebiets Syriens vereint. Und die 80 Künstler des »Flüchtlingsorchesters« singen und spielen seine berückende Liebesmelodie an Violine, Cello, Tar und Tabla mit einer Inbrunst, die den Zuhörern Gänsehautwellen über den Rücken jagt.

»Bridges – Musik verbindet« heißt die mittlerweile berühmte Frankfurter Flüchtlingsinitiative, die zwei Studentinnen im Herbst 2015 beim lockeren Plausch in der Uni-Bibliothek gründeten. Gemeinsam mit Profi-Musikern des HR und dem Frankfurter Filmkomponisten Rainer Michel klapperten sie gezielt hessische Flüchtlingsheime ab, um gemeinsam Musik zu machen. Das große Konzert im April vor einem Jahr an selber Stelle sollte eigentlich krönender Abschluss der Aktion werden. Stattdessen überrannten Freiwillige und Konzertveranstalter die beiden mit ihren Anfragen. Neun Ensemblegründungen und über hundert Einzelkonzerte später wächst sich »Bridges« zu einem Vorzeigeprojekt gelungener Integration aus.

Neben minderjährigen Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und dem Iran gehören Spitzenmusiker wie Walid Khatba dazu, noch bis 2011 Konzertmeister im National Syrian Symphony Orchestra, aber auch popinteressiert unterwegs mit den Gorillaz beim Glastonbury Festival, sowie Flüchtlingssohn und Tabla-Meister Mirwais Neda und Flamenco-Star Mohanad Almossli, der mit seiner Gitarre die Oper von Damaskus aufmischte. Gemeinsam mit den Deutschen Henning Eichler, Blues-Blend-Mundharmonikaspieler, Jazz-Gitarrist Torsten de Winkel und der Flötistin Johanna-Leonore Dahlhoff finden sie sich zu Klassik-, Folklore-, Film- und Weltmusik-Konzerten zusammen. Rainer Michel, dessen Komposition »Refugee Walk« als einer der Höhepunkte des Abends erklingt, spricht allen aus dem Herzen, als er den Flüchtlingsausweis seiner Mutter hochhält, die im Zweiten Weltkrieg zu Fuß vor den Russen floh: »Ihr Musiker seid mir alle ans Herz gewachsen. Wenn ich nicht mehr mit euch musizieren könnte, ich würde das so vermissen. Wir sind eine Familie geworden.«

Ausverkauft ist das Konzert im Sendesaal an der Bertramstraße seit Wochen. Die Fans stehen jetzt auf, überbieten sich mit Bravorufen und singen am Ende unisono das deutsche Volkslied »Es führt über den Main«, in dem es auch um Brücken geht. Um eine Brücke aus Stein allerdings, nicht um eine aus Musik. Doch der »Bursch ohne Schuh und in Lumpen dazu« tanzt einfach über sie hinweg. So wie »Bridges« allen Vorurteilen entgegentritt – mit Flötentönen, Saitenklängen und wilden Trommeln. Bettina Boyens



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