09. Oktober 2017, 20:53 Uhr

Im Sturm des Sounds

09. Oktober 2017, 20:53 Uhr
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Von Manfred Merz
Fährt mit dem Boot in den Tod: Peter Grimes (Vincent Wolfsteiner). (Foto: Rittershaus)

Die flirrenden Wellenbewegungen in den Holzbläsern als Meeresimitation irritieren, das finstere Gurgeln in Blech und Bässen flößt Angst ein – es ist der Sturm des Sounds, der überwältigt. Benjamin Brittens Oper »Peter Grimes« lebt von ihrer drängenden Musik. Auch in den sechs Zwischenspielen lässt der Brite dem Publikum kaum Zeit zum Atmen. Dank des unter seinem Generalmusikdirektor Sebastian Weigle dramatisch aufspielenden Frankfurter Opern- und Museumsorchesters und eines wie besessen singenden Chors fasziniert dieses Werk auch mehr als 70 Jahre nach seiner Uraufführung mit ungebrochener Wucht.

Regisseur Keith Warner setzt in seiner Neuinszenierung an der Frankfurter Oper mit einer spannenden, naturalistischen Sicht Zeichen. Seine Titelfigur spinnt weder Seemannsgarn noch hat sie eine homophobe Neigung, sie ist vielmehr ein komplexer Charakter, ein gequälter Idealist. Die Dorfbewohner fungieren bis auf wenige Ausnahmen als feiste Masse. Warner versteht sich auf Personenführung und das saubere Herausarbeiten der Kulminationspunkte. Das packende knarzende Bühnenbild von Ashley-Martin Davis wirkt wie aus Holz und Wut zusammengezimmert, die stückgetreuen Kostüme (Jon Morrell) versetzen den Betrachter sofort in die Zeit eines dunklen Argwohns.

Librettist Montagu Slater erzählt die Geschichte des Fischers und Außenseiters Peter Grimes, der in einem Dorf an der Ostküste Englands lebt (auch Britten lebte dort drei Jahrzehnte lang bis zu seinem Tod). Da sein Lehrbub auf hoher See stirbt, sieht sich Grimes den Gerüchten und kleinbürgerlichen Boshaftigkeiten der Bewohner des Ortes ausgesetzt. Als auch ein zweiter Lehrling umkommt, ist der Mob in Rage und zu allem entschlossen.

Entgegen der Vorlage, einer düsteren Vers-erzählung von George Crabbe, ist Brittens und Slaters Peter Grimes (das phonetische »crime« für Verbrechen schwingt jedes Mal mit, wenn der Name auf der Bühne ertönt) kein Sadist und unbarmherziger Schurke, sondern ein vom Volk gehetzter, unverstandener Eigenbrötler. Die Sozialkritik des Stücks, dieser finstere Kosmos aus spießiger Missgunst und Sensationsgier, funktioniert bis heute im Zeichen von Brexit und Ausländerfeindlichkeit. Wenn die Dorfbewohner am Ende des zweiten Akts im dreifachen Forte drohend »Peter Grimes« deklamieren, um den vermeintlichen Mörder zu lynchen, wird klar: Das Ende des Fischers ist besiegelt.

Tenor Vincent Wolfsteiner gibt einen impulsiven Titelhelden, auch wenn er in der Höhe an Druck zulegen kann. Sopranistin Sara Jakubiak in der Rolle der Lehrerin singt mal energisch, mal fein austariert, während der Bass von James Rutherford als Captain Balstrode nur so strotzt vor Saft und Kraft. Die übrigen Sänger sind intensiv ins Geschehen eingewoben.

Am Ende fährt der verzweifelte und verwirrte Grimes mit seinem Boot aufs offene Meer hinaus in Richtung Horizont und Suizid. Niemand nimmt davon Notiz. Unbekümmert warten alle auf ihr nächstes Opfer.

Manfred Merz



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