31. Oktober 2019, 19:24 Uhr

Igor Levit zeigt Haltung

Er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Bedrohung durch rechts geht. Er twittert täglich, spielt bei Demos gegen rechten Terror an und ergreift das Mikrofon im Konzertsaal. Denn Igor Levit ist mehr als einer der gefragtesten Pianisten der Welt. Er fühlt sich als »Bürger, Europäer, Pianist«, der sich aktiv einzumischen hat. Und ist damit in der Klassikwelt ein Solitär.
31. Oktober 2019, 19:24 Uhr
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Von Bettina Boyens
Igor Levit hat nicht nur alle 32 Beethoven-Sonaten eingespielt. Auch seinen Kampf gegen rechte Gewalt führt er vom Klavier aus. (Foto: Felix Broede)

Gerade hat der 32-Jährige alle 32 Klaviersonaten von Beethoven eingespielt und für sein Vorgängeralbum »Life« den Opus Klassik erhalten. Bettina Boyens sprach mit ihm in der Alten Oper Frankfurt über die Opfer von Halle, die Macht des Bürgers und den Willen Beethovens.

Herr Levit, Sie sind einer der politischsten Pianisten unserer Zeit. Wann wird die Klassikwelt Sie ganz an die Politik verlieren?

Igor Levit: Gar nicht. Es sei denn, uns fliegen Geschosse über den Kopf und ich sehe keinen anderen Ausweg mehr. Wenn ich eines Tages mit der Sorge ins Bett gehe oder aufwache, dass meinen Liebsten etwas passiert, dann stelle ich einiges infrage. Bis dahin gibt es überhaupt keine Diskussion darüber, was mein Beruf ist.

Vorläufiger Höhepunkt ist Ihr Engagement nach dem Attentat in Halle. Sie haben vier Tage später bei der #Unteilbar-Demo in Berlin vor der Neuen Synagoge Bachs »Goldbergvariationen« gespielt und am selben Abend Ihren »Opus Klassik« den Opfern von Halle gewidmet. Warum machen Sie das?

Levit: Weil ich nicht anders kann. Weil mir meine Umgebung wichtig ist, weil mir mein Land wichtig ist und weil ich für diese Gegenwart brenne und mich über diese Gegenwart definiere. Nicht mehr und nicht weniger. In diesem Zusammenhang ist es fast bizarr, mein Engagement nach Halle als »Höhepunkt« meines politischen Engagements zu bezeichnen, denn in Wirklichkeit ist dieser Anschlag ein erschütternder Tiefpunkt. Da war ein Mann, online radikalisiert, der versucht hat, in eine Synagoge einzubrechen und Juden zu töten. Das war derselbe Mann, der auf der Straße stand und von Kanaken rief, es war derselbe Mann, der auch den Feminismus verantwortlich machte für den scheinbaren Untergang seiner Welt.

Nicht nur den beiden Toten haben Sie Ihren Preis gewidmet, sondern auch all denen, die seit Jahren »gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus, Islamophobie und Antifeminismus« kämpfen. Wieso?

Levit: Seit Jahren weigere ich mich, Opfer gegeneinander auszuspielen, ich weigere mich, das Spiel mitzumachen, dass es Opfer erster, zweiter und dritter Klasse gibt, ich weigere mich als Jude, ein Thema wie den Antisemitismus losgelöst zu besprechen von Rassismus und Antifeminismus und von der grundsätzlichen Idee absoluter Menschenverachtung. Entweder wir besprechen alles oder wir besprechen gar nichts.

Sie ergreifen auch im Konzertsaal in letzter Zeit oft das Wort. Haben Sie Verständnis dafür, wenn Menschen das nicht hören wollen? Wenn sie aufstehen und laut sagen: »Aufhören!«, wie eine Frau im Sommer beim Rheingau Musikfestival?

Levit: Ja, das finde ich absolut in Ordnung. Ich zwinge dem Publikum in diesem Moment ja eindeutig etwas auf. Wobei man nicht vergessen darf: Ich zwinge auch mir etwas auf. Das ist kein Kuchenessen. Es ist auch für mich schwer, auf der Bühne zu stehen und zu wissen: »Ich zwinge gerade eine Situation auf.« Ich werde es trotzdem nicht ändern. Ich tue es auch nicht regelmäßig. Und ich tue es nur, wenn ich nicht anders kann.

Werden wir jetzt bei jedem Igor-Levit-Konzert ...

Levit: ... Nein.

…eine politische Ansprache von Ihnen hören?

Levit: Nein, das ist überhaupt nicht mein Ziel. Ich mache keine Pläne. Es kann passieren, aber es muss nicht passieren.

Würden Sie eher aufhören Klavier zu spielen, als sich öffentlich zu äußern?

Levit: Nein, ich würde eher aufhören Klavier zu spielen, als aufzuhören Bürger dieses Landes zu sein. Und als Bürger bin ich in der jetzigen Situation verpflichtet, mich einzumischen.

Ihr Beitrag zum Beethoven-Jahr ist die Einspielung seiner 32 Klaviersonaten. Sie sind erst 32 Jahre alt. Warum so früh?

Levit: Weil ich die Chance hatte, weil ich es machen konnte, weil ich es machen durfte und machen wollte. Ich habe das Gefühl, es ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt. Ich wollte sie schon viel früher einspielen, lange vorher, aber erst jetzt war es so weit.

Sie spielen bei Pro Arte, der Frankfurter Konzertdirektion, alle 32 Sonaten an vier Abenden live in der Hamburger Elbphilharmonie. Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt mit dem Publikum?

Levit: Das Live-Konzert ist mein »Ein und Alles«. Interaktion, Menschen sehen und Gefühle teilen, das treibt mich an, egal was ich mache.

Was empfinden Sie, während Sie spielen? Sehen Sie Bilder, Farben?

Levit: Ich habe nur Menschen im Kopf, während ich spiele. Aber fragen Sie mich bitte nicht welche, das weiß ich nämlich nie. Für mich ist Musik verbunden mit Menschen.



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