12. Oktober 2017, 18:33 Uhr

Große Kunst in kleinen Städten

12. Oktober 2017, 18:33 Uhr
Museumsgründerin Antje Helbig mit der bemalten Bronzefigur Bremer Stadtmusikanten von Markus Lüpertz. (Foto: dpa)

»Kleines Museum, große Kunst«, »Komme aus der Hauptstadt und erlebe dies in der Provinz. Gratulation!« oder »Waren sehr überrascht von dieser Ausstellung«: Bei einem Blick ins Gästebuch des Rosenhang-Museums in Weilburg wird schnell klar, dass viele Besucher mehr bekommen haben als sie erwartet hatten.

Vor der golden gestrichenen ehemaligen Brauerei plätschert ruhig das Flüsschen Lahn, drinnen wird seit Juni 2017 eine feine Sammlung moderner Kunst präsentiert – mit klingenden Namen wie Georg Baselitz, Gerhard Richter und Stephan Balkenhol. Große Kunst in der Provinz – möglich machen dies im 13 000-Einwohner-Städtchen Weilburg die Eheleute Antje Helbig und Joachim Legner. Helbig stammt aus einer Brauerfamilie und stand vor der Entscheidung, das alte Betriebsgebäude abreißen zu lassen. »Aber so etwas ist sündhaft teuer«, erzählt sie. So entstand eine ganz neue Idee – mit Blick auf die viele Kunst, die sich im Privathaus angesammelt hatte. »Wir dachten: Lass uns doch das Geld in die Hand nehmen und die Sachen zeigen.« Gesagt, getan: Legner schaute sich mehrere private Museen an und dann organisierte das Paar den Umbau der Brauerei. Viel Geld floss vor allem in eine moderne Klimaanlage, gutes Licht, den Brandschutz und Sicherheitstechnik. Zuschüsse gab es keine, wie Helbig erklärt. »Das Haus trägt sich rein privat.«

Auch die Stadt Aschersleben in Sachsen-Anhalt liegt abseits der Metropolen – und hat doch große Kunst zu bieten. Seit 2012 zeigt die Grafikstiftung Neo Rauch Werke des zeitgenössischen Künstlers. Der 57 Jahre alte Maler wuchs in Aschersleben auf und schenkt der Stadt jeweils ein Exemplar der Auflagen seiner Grafiken. Das Museum wird von einer Stiftung getragen. »Man sollte sich nicht mit den Großen messen«, sagt deren Leiterin Christiane Wisniewski. Allein was die Menge der Kunst angehe. Allerdings habe der Besucher in kleinen Häusern mehr Zeit, um sich intensiver mit den einzelnen Werken auseinanderzusetzen.

Im Weilburger Rosenhang-Museum sollen Bilder und Skulpturen von insgesamt rund 30 Künstlern dem Betrachter deutlich machen, wie unterschiedlich zeitgenössische Kunst ist, erläutert Legner. »Das sieht man sonst nur, wenn man die ganze Republik bereist.« Es sei für jeden etwas dabei, auch für Menschen ohne großes Wissen um die Kunst. »Man bekommt einen breiten Überblick.«

Immer wieder begegnen dem Besucher im Museum die Skulpturen Balkenhols, darunter ein »Mann mit Rose«, zwei Ringer und ein riesiger Thron. Einen ganzen Raum füllt die Klanginstallation »Das Gefühl in meinem Inneren« der koreanischen Künstlerin Seo aus – mit mehreren riesigen Glocken.

Der Charakter der ehemaligen Brauerei blieb im Gebäude erhalten. Eines der größten Werke musste in den ersten Stock gehoben werden, bevor in das ehemalige Malzlager ein Treppenhaus mit Aufzug eingebaut wurde. Als bunter Blickfang steht dort der rund fünf mal zwei Meter große »Porcelain Car« des chinesisches Künstlers Ma Jun.

Kaufen, was gefällt

Nur wenige Meter weiter ist viel Platz für die farbenfrohen Gemälde von Elvira Bach, die überlebensgroßen Porträts von Cornelia Schleime und impressionistischen Werke Christopher Lehmpfuhls, der als Pleinair-Maler unter freiem Himmel arbeitet und die Farbe als dicke Schicht mit den Händen aufträgt. Markus Lüpertz ist mit düsteren Ölgemälden, aber auch mit einer farbenfrohen Skulptur der Bremer Stadtmusikanten vertreten.

Die Kunstwerke aus dem Besitz des Paares Legner und Helbig werden von Leihgaben ergänzt, so ist bis 28. November die Ausstellung »Malströme« zu sehen. Sie zeigt Werke von fünf aus der DDR emigrierten Künstlern. Das Museum hat eine Ausstellungsfläche von rund 2000 Quadratmetern, dazu kommen rund 900 Quadratmeter in der angrenzenden Kunsthalle. Das Haus bietet auch Atelierräume, in denen künftig Stipendiaten für jeweils drei Monate arbeiten können.

Die Museumsgründer Helbig und Legner kommen nicht aus dem Kunstfach – beide sind Betriebswirte. »Aber wir waren schon immer kunstaffin«, sagt Helbig. »Wir kaufen, was uns gefällt, darunter viel Lebensbejahendes.« Die Vorteile eines kleinen privaten Hauses sieht sie vor allem in der Flexibilität: »Wir können von heute auf morgen reagieren, müssen keine Gremien fragen.«

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