29. September 2017, 18:33 Uhr

Grande Dame der Kunstszene

29. September 2017, 18:33 Uhr
Gabriele Henkel

Wenn Gabriele Henkel in Düsseldorf zu einer Ausstellungseröffnung kam, dann waren ihr ein Ehrenplatz gewiss. Die Kunstsammlerin und Mäzenin mit der blonden Mähne und der dunklen Sonnenbrille war die Grande Dame der Düsseldorfer Kunstszene. Nun ist die weit über das Rheinland hinaus bekannte Kunstexpertin, die für den Henkel-Konzern über Jahrzehnte eine hochkarätige Kunstsammlung aufgebaut hatte, in der Nacht zum Freitag im Alter von 85 Jahren gestorben. Das teilte der Konzern im Namen der Familie mit. Mehr als 2000 Werke hat Henkel, Witwe des 1999 gestorbenen Firmenpatriarchen Konrad Henkel, für den Waschmittelkonzern zusammengetragen. Die Arbeiten von Künstlern wie Robert Delaunay, Willi Baumeister, Gerhard Richter, Frank Stella oder Ellsworth Kelly hängen heute in Büros, Vorstandsetagen, Fluren und Treppenhäusern.

Aus ihrem Alter hatte Gabriele Henkel immer ein Geheimnis gemacht. Nach entbehrungsvoller Kriegskindheit ohne Schulbildung schickte ihr Vater, ein Düsseldorfer Medizin-Professor, sie als 16-Jährige als Au-Pair-Mädchen nach London. Doch statt Haushaltshilfe wollte sie Journalistin werden und schaffte es zum Londoner »Observer«. In der Adenauerrepublik wurde sie als Frau und »Newsweek«-Korrespondentin das jüngste Mitglied der Bundespressekonferenz in Bonn.

Nach ihrer Hochzeit 1955 wurde Henkel eine legendäre Gastgeberin, aber sie begnügte sich dabei nie mit der Rolle der Unternehmergattin. Gäste ihrer Abendgesellschaften waren Bankiers wie Jürgen Ponto und Alfred Herrhausen, aber auch Künstler wie Frank Stella oder Joseph Beuys oder Politiker wie Hans-Dietrich Genscher. Auch Hitlers ehemaliger Rüstungsminister Albert Speer durfte nach 20 Jahren Haft Platz an Henkels Tisch nehmen. Ihr Haus in Düsseldorf wurde, so schrieb Henkel in ihren Memoiren, »der Salon der Republik«.

Berühmt waren Henkels kunstvolle Tischdekorationen – Beuys empfahl ihr, die Motto-Tische zu signieren. Bei einem Abend für den US-Künstler und Ferrari-Fan Frank Stella ließ sie eine Carrera-Bahn über den Esstisch rasen. Ihre Gesellschaftsabende habe sie organisiert wie Bühnenstücke, sagte Henkel einmal.

Henry Kissinger, Hildegard Knef, Gunter Sachs, Robert Wilson, Andy Warhol, Ionesco – Henkel war mit den bekanntesten Persönlichkeiten aus Kunst, Mode, Politik und Gesellschaft befreundet. Die Männer lagen ihr zu Füßen, so beschrieb sie es in ihren Erinnerungen. Mit ihren Verehrern reiste sie in den Wirtschaftswunderjahren um die Welt. In ihrer stolzen Schönheit wurde die junge Gabriele Henkel mit der französischen Schauspielerin Jeanne Moreau verglichen. »Ich habe viele Menschen geliebt in meinem Leben, und ich habe viel Liebe genossen«, schrieb sie.

Mit dem Aufbau der Henkel-Kunstsammlung tauchte Henkel in die amerikanische Kunstszene ein, während ihr Mann das Unternehmen zum Weltkonzern aufbaute. Sie wurde in den Internationalen Beirat des New Yorker Museums of Modern Art berufen. Zur Trauerfeier für Warhol 1987 wurde Henkel in einer silbergrauen Stretch-Limousine abgeholt.

Henkel liebte künstlerische Installationen, schuf Bühnenbilder, schrieb über Kunst. »Ein Tag mit Kunst ist ein guter Tag«, sagte sie. »Und ich hatte viele gute Tage.« 1983 erhielt sie eine Honorarprofessur für Kommunikationsdesign an der Universität Wuppertal. Der Titel war perfekt auf sie zugeschnitten: »Inszenierung von Lebenswelten«.

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