10. November 2017, 18:21 Uhr

Goethes öde Verwandtschaft

»...ietzo sitz ich im leidigen Friedberg«: Goethes in der Lokalhistorie berühmter Stoßseufzer hat wohl weniger mit Friedberg selbst und mehr mit dem Großvater väterlicherseits zu tun: ein vermögender Schneidermeister, den der Dichter und die Forschung lange totschwiegen. Das Buch »Monsieur Göthé« macht sich auf die Suche nach dem »Karl Lagerfeld Frankfurts«.
10. November 2017, 18:21 Uhr

Metzlers »Goethe-Lexikon« kennt ihn gar nicht, den meisten Biografen seines Enkels ist er nur ein paar Zeilen wert: Friedrich Georg Göthé ist der große Unbekannte in Johann Wolfgang von Goethes Stammbaum. Der Dichter selbst erwähnt ihn in seiner Autobiografie »Dichtung und Wahrheit« (mit der Betonung auf »Dichtung«) ebenfalls nur am Rande und ohne Namensnennung: Gleichaltrige hänseln ihn, der Damenschneider und Gastwirt sei gar nicht der Erzeuger seines Vaters, des Geheimen Rats Johann Caspar Goethe. Woraufhin der Enkel prüft, wem anderem er ähnlich sieht, um den wahren Großvater zu finden.

Goethe wollte nicht von dem Aufsteiger aus ärmsten Verhältnissen abstammen. Dabei war es das Vermögen Friedrich Georg Göthés, das dem in Frankfurt hoch angesehenen Sohn Johann Caspar ein Leben als »Privatier« erlaubte, was ein Literaturkritiker mit »reicher Nichtstuer« übersetzt hat. Dank des ererbten Vermögens konnte Vater Goethe immerhin den Grundstock für die Bildung der Enkel legen. Goethe hätte Göthé also dankbar sein müssen. Was aber nicht der Fall war.

Das Autorentrio Heiner Boehncke, Hans Sarkowicz und Joachim Seng hat sich auf die Spuren des unbekannten Großvaters gemacht und in der »Anderen Bibliothek« ein so kenntnisreiches wie spannendes Buch vorgelegt. 1657 in Thüringen als Sohn eines Hufschmieds geboren, lernt Friedrich Georg das Schneiderhandwerk und gelangt als Wandergeselle bis nach Frankreich in die Seidenstadt Lyon.

Als er sich nach zwölf Jahren im Ausland in Frankfurt niederlässt, steigt er schnell zum Lieferanten benachbarter Hofe und des ersten Standes der Gesellschaft auf; als (eingeheirateter) Wirt des damals berühmten Gasthauses »Zum Weidenhof« beherbergte er die oberen Zehntausend. Sein Privatvermögen betrug bei seinem Tod 1730 nach heutigen Verhältnissen 4,5 Millionen Euro und viele Tausend Liter kostbaren Weins.

Seit dem Frankreich-Aufenthalt schrieb sich Friedrich Georg elegant mit Accent aigu: Göthé. Der Sohn Johann Caspar räumt damit wieder auf, latinisiert das »ö« zu »oe«, verbannt die Porträts der Eltern in eine Dachstube und baut das Haus am Hirschgraben um. Nichts soll den Enkel an den Großvater erinnern, der aber als Makel der Abstammung weiter existent bleibt.

Das Streben nach Höherem

Ein Beleg hierfür mag die Episode im »leidigen Friedberg« sein. Hier starb 1786 der Schneidermeister Johann Christian Goethe, ein Neffe Göthés; zwei Jahre später folgte die Witwe Anna Christina. Das Gasthaus »Zum Ritter« auf der Breiten Straße, der heutigen Kaiserstraße, wurde versteigert, einer der neuen Eigentümer war der Kaiserliche Rat Johann Caspar Goethe. Der schickte 1772 den von Wetzlar kommenden Sohn und Jurastudenten nach Friedberg, damit er Reparaturen überwache. In schwermütiger Stimmung berichtet Goethe in einem Brief über »hängerliche und hangenswerthe Gedanken auf dem Canapee«. Der junge Schöngeist habe sich nicht um juristische Probleme von Hypotheken-Angelegenheiten geschert, schreiben die Autoren: »Irdisch und klein nennt er das, was der Vater verlangt, was im Umkehrschluss ja nur bedeuten kann, dass er nach Größerem, Höherem strebte. Deshalb wird aus diesen Zeilen auch deutlich, dass aus diesem Nachfahren Friedrich Georg Göthés kein leidenschaftlicher Jurist werden konnte.«

Boehncke, Sarkowizc und Seng graben so manches verschüttete Dokument aus und füllen die Lücken der Überlieferung mit kulturhistorischen Ausflügen zur Damenschneiderei, zum Ständewesen und in den Alltag der Freien Reichsstadt Frankfurt. Das ist packend und stellenweise wie ein Literatur-Krimi geschrieben, überdies reich illustriert und zeigt am Ende: Es gibt also doch noch Neues aus der Goethe-Forschung.

Heiner Boehncke, Hans Sarkowicz, Joachim Seng: Monsieur Göthé. Goethes unbekannter Großvater, Die Andere Bibliothek, Berlin 2017, 478 Seiten, nummeriert und limitiert, mit schneiderfaden-gestanzter Buchschlaufe, rot schillerndem Bezug, Fadenheftung, Lesebändchen, 42 Euro.

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