02. April 2017, 22:02 Uhr

Gnadenlose Verhöre

Dieses Stück ist nichts für zart besaitete Seelen, denn hier geht’s brutal zur Sache. In »Diese Geschichte von Ihnen« des Briten John Hopkins überschreitet ein Polizist rücksichtslos seine Grenzen, um ein Geständnis zu erpressen. Und Nicholas Ofczarek und August Diehl liefern sich einen Zweikampf, der unter die Haut geht. Für das Gastspiel des Wiener Burgtheaters am ausverkauften Schauspiel Frankfurt gibt es Standing Ovations.
02. April 2017, 22:02 Uhr
Johnson (Nicholas Ofczarek, l.) will partout von Baxter (August Diehl) die Wahrheit wissen. (Foto: Bernd Uhlig)

Es ist der Abend des Nicholas Ofczarek. Auf ihn kann die Regisseurin Andrea Breth bauen, verfügt der 45-jährige Schauspieler des Wiener Burgtheaters doch über die Kraft, die Rolle des Sergeant Johnson über drei Stunden zu stemmen. Ein Unsympath, wie er im Buch steht. Geht er schon mit seiner Ehefrau nicht zimperlich um, kennt er im Verhör mit dem möglichen Kinderschänder Baxter kein Pardon. Er will partout den Tathergang aus ihm herausprügeln – tödliches Ende inbegriffen. Aber auch der Polizist gerät unter Druck, muss er sich in einer peinlichen Befragung seines Vorgesetzten für die Geschehnisse verantworten.

Der britische Autor, sonst auf Drehbücher wie James Bonds »Feuerball« spezialisiert, hat ein Kammerspiel konzipiert, das in drei Akten die Macht des Menschen über einen anderen seziert. Mit hohem Spannungspotenzial zeigt er auf, welche Gefahr von einem überforderten Beamten ausgeht, der nach 20 Jahren Dienst auf der Wache längst nur noch seine vorgefertigte Meinung kennt. Ofczarek wühlt sich durch diesen miesen Charakter. Er schwitzt, tobt und schlägt, um im nächsten Moment mit bedrohlich leisen Tönen sein Gegenüber in die Enge zu treiben. Ein Berserker, der mit seiner eigenen Übelkeit zu ringen hat, immer wieder nach Fassung sucht, um sie schließlich gänzlich zu verlieren.

Steht Andrea Clausen im ersten Bild als ausgegrenzte Ehefrau auf völlig verlorenem Posten, als ihr betrunkener Ehemann ihr um drei Uhr in der Nacht beichtet, er habe im Verhör vermutlich einen Mann getötet, so kehrt Roland Koch im zweiten Bild souverän den Chef heraus. Er will und muss die Wahrheit herausfinden, nötigt dem sichtlich nervösen Untergebenen den notwendigen Respekt ab – und kann doch keine endgültige Klarheit in die unfassbaren Vorgänge bringen.

Die Sternstunde der Schauspielkunst aber schlägt nach der Pause, als der wuchtige Ofczarek auf den geradezu schmächtig wirkenden August Diehl trifft. Die beiden liefern sich ein gnadenloses Duell, in dem Diehl zeitweise verbal erstaunlich überlegen ist, jedoch körperlich keine Chance gegen seinen Peiniger hat. Geschickt dreht er den Spieß um, hält dem Tier, dem Lüstling im Mann den Spiegel vor, entlarvt die Bilder in seinem Kopf.

Doch die Provokation gerät aus dem Ruder – der Stärkere tritt zu, knacks!, und der Verdächtigte liegt regungslos am Boden. Ob dieser tatsächlich kleine Mädchen vergewaltigt hat – wir werden es nie erfahren. Spielt auch keine Rolle, denn dieses Verhör schreibt seine ganz eigenen Gesetze.

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