01. Oktober 2017, 18:21 Uhr

Geschundene Kreatur

Die Idee ist nicht neu: Hamlet wurde schon von einer Frau gespielt, König Lear ebenfalls. Roger Vontobel besetzt nun am Schauspiel Frankfurt den Part des Woyzeck mit Jana Schulz, die voll und ganz mit der Rolle verschmilzt. Ihr gelingt ein ergreifendes Porträt eines rastlos Geschundenen, der seinen inneren Frieden nicht finden kann.
01. Oktober 2017, 18:21 Uhr

Es scheint, als trüge Woyzeck das ganze Leid der Erde auf seinen Schultern. Georg Büchners Theaterfragment hat in den letzten Jahren für eine Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen den Stoff geliefert. So stellte Leander Haußmann in seiner zupackenden Inszenierung am Berliner Ensemble den Soldaten heraus, der beim Militär geschliffen und von seinen Kameraden gemobbt wird. Der international tätige Allround-Künstler William Kentridge verlegte die Handlung der fanatasievollen Aufführung der Kapstädter Handspring Puppet Company in die Welt der hart arbeitenden Bergarbeiter von Johannesburg.

Roger Vontobel nun besinnt sich am Schauspiel Frankfurt wieder auf den eigentlichen Kern: eine unglückliche Liebesgeschichte zweier vom Leben Benachteiligter, die – geprägt von Eifersucht – zu keinem guten Ende führen kann. Auf 90 Minuten und eine ächzende Drehbühne konzentriert, die Woyzeck wie ein altersschwaches Schiff gelegentlich den Boden unter den Füßen wegreißt, entwirft der 40-jährige Schweizer Regisseur ein Kaleidoskop der Verzweiflung einer zum Scheitern verdammten Kreatur.

Jana Schulz ist Woyzeck – ganz und gar mit Haut und Haaren. In ihrer androgynen Gestalt nimmt sie hochsensibel alle beängstigenden Schwingungen der Umwelt wahr. Wie ein gehetztes Tier sucht sie immer wieder nach Ruhe, schindet sich auf den Knien ab, wenn der schnarrende Hauptmann (Wolfgang Pregler) Woyzeck vom Rasierstuhl traktiert und der giftige Doktor (Matthias Redlhammer) dem Probanden im Erbsen-Dauertest schmerzhaft die Ohren lang zieht. Auch als der Bulle von Tambourmajor (André Meyer) dem schlaksigen Kerl an die Gurgel geht (Foto), steht dieser trotz aller Blessuren tapfer wieder auf.

Doch irgendwann ist auch Woyzecks Kraft erschöpft. So, wie er zu Anfang mit seinem Messer stoisch die Stecken für den Hauptmann schnitzt, so mechanisch sticht er am Ende immer und immer wieder zu, bis seine geliebte Marie tot auf dem Boden liegt. Friederike Ott verkörpert dieses zarte, engelsgleiche Wesen, das mit dem unehelichen Kind überfordert ist und sich in die starken Arme des Tambourmajors flüchtet.

Vontobel zieht alle Register des heutigen Regietheaters. Neben einer durchgängigen musikalischen Untermalung am Piano (Marco Ramaglia) und an Percussion (Yuka Ohta) setzt er auf starke Bilder durch Videovergrößerungen, die er auf einem metallisch glänzenden Fadenvorhang (Bühne: Claudia Rohner) bannt. Da verzerren sich die Gesichter der hämischen Mitmenschen zu tierischen Fratzen, die Woyzeck wegen seiner Andersartigkeit gnadenlos auslachen. Da tobt ein wilder Tanz, wenn Marie sich mit dem Kraftprotz paart und Woyzeck das lautstarke Getöse nicht mehr ertragen kann.

Die herbeigesehnte Stille bringt Erlösung und den Tod. Und für das Publikum ein nachdenkliches, berührendes Ende mit dem wunderbar erzählten Märchen »Es war einmal ein arm Kind…« Tosender Applaus bei der ausverkauften Premiere am Samstagabend im Großen Haus.

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