02. April 2017, 22:01 Uhr

Fünf Freunde im Widerstand

02. April 2017, 22:01 Uhr
Werden trotz wehender Fahnen mit Mann und Maus untergehen: Die Nazis stehen schon vor der Tür. (Foto: Birgit Hupfeld)

Es wird existenziell eng unter der Zimmerdecke, die sich mit minutiöser Unerbittlichkeit auf die Freunde herabsenkt: da fällt das Atmen schon beim Zuschauen schwer. Das Beinahe-Zerquetschen der bunt gemischten Intellektuellentruppe ist prägnanter Schlusspunkt der deutschen Erstaufführung von Tony Kushners Erstling in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt. Mit Rückblick auf den politischen Kampf in Nazi-Deutschland 1932/33 setzt sich Plötner mit dem aktuellen, weltweiten Rechtsruck auseinander. Fazit: Es kommt schlimmer als man denkt.

Realer Stresstest

Fast zwei Stunden lang wohnt man der zunehmenden Ohnmacht der anfangs noch sektlaunigen Freunde bei, wobei Kushner punktgenau den Moment trifft, an dem ihre kommunistischen Ideale realen Stresstests unterzogen werden: Da gibt es die ebenso glamouröse wie labile Paulinka, der Paula Hans überzeugende innere Zerrissenheit verleiht. Als aufstrebender Star flirtet sie mit Rollen bei den Nazis, glaubt, dass »Psychoanalyse sinnvoller ist als Kommunismus« und hat trotzdem das Herz am rechten Fleck: Einfach umwerfend, wie sie, von der eigenen Courage überrascht, Freund Husz aus einem aggressiven Nazi-Haufen heraushaut. Zunehmend verachtet für ihre Wehleidigkeit wird sie von Agnes (Jeanne Devos) und Annabella (Sina Martens), die sich bis zum Schluss den Zielen der Internationale verpflichtet fühlen. Jan Breustedt als langer Arm der Komintern setzt den beiden aggressiv zu und beschimpft Arbeiter und Sozialdemokraten, illoyal gegenüber der KPD sein. Mit zynischem Humor ausgestattet mischt ein eleganter Lukas Rüppel als Homosexueller Patz den Laden auf; Während Christoph Pütthoff als ungarischer Kameramann Husz nicht nur den Glauben an politische Filme sondern auch seine Liebe zu Agnes verliert.

Neben der sprechenden Bühne Anneliese Neudeckers tragen die elegant zeitgemäßen Kostüme Lili Wanners zum glaubwürdigen »damals in Berlin«-Gefühl bei. Kushners Stück aus dem Jahr 1984, im Original »A bright room called day«, steht in Donald Trumps Amerika zunehmend auf dem Programm. Knapp zehn Jahre vor seinen flippigen »Angels in America« entstanden, ist es nicht annähernd so genial: zu verkopft die Texte, zu erhoben der Zeigefinger.

Verdienter Applaus

Speziell die Rolle von Zilla Katz als »Frau von heute« lässt gröbstes Brecht-Strickmuster erkennen. In der Uraufführung äußerte sie plakative Kritik an Ronald Reagans Amerika, in Frankfurt unverblümte Aufforderungen an die Zuschauer, bürgerliche Komfortzonen zu verlassen; extra für die deutsche Version geschrieben von der feministischen Autorin Marlene Streeruwitz. Obwohl Carina Zichner als lässig beiläufiger Conferencier alles tut, um Zillas moralisches Bohren abzumildern: Hier wäre weniger mehr gewesen. Trotzdem am Ende verdienter Applaus für einen klaren Theaterabend zur rechten Unzeit. Bettina Boyens

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