16. Februar 2017, 18:44 Uhr

Faustdicke Überraschung

16. Februar 2017, 18:44 Uhr
Weber

Wochenlang hat die Jury Bücher gewälzt, diskutiert und verworfen – und sich nun auf die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse verständigt. Auf der Belletristikliste findet sich eine bunte Mischung von Autoren, die Literaturexperten nicht unbedingt erwartet haben: Lukas Bärfuss mit »Hagard«, Brigitte Kronauer (»Der Scheik von Aachen«), Anne Weber mit »Kirio« und Natascha Wodin (»Sie kam aus Mariupol«). Als einziger Lyriker geht Steffen Popp mit »118. Gedichte« ins Rennen.

»Wir sind dazu da, eine kleine Selektion bereitzustellen, um den Lesern eine Orientierung zu geben«, sagt Jury-Vorsitzende und Literaturkritikerin Kristina Maidt-Zinke. Allerdings ohne Gewähr. »Weil auch bei sieben professionellen und erfahrenen Literaturkritikern subjektive Vorlieben eine Rolle spielen.«

Maidt-Zinke spricht von einer schwierigen Zeit für die Literatur, gerade weil so viel geschrieben werde. »Es gibt jedes Jahr so viele Neuerscheinungen, dass man schon fast von einer inflationären Textproduktion sprechen kann.« Die Verlage versuchten, so viel wie möglich auf den Markt zu bringen. Nach Einschätzung der Kritikerin gehen dabei die Maßstäbe verloren, was eigentlich gute Literatur ausmache. »Was erscheint nicht nur im Augenblick bemerkenswert, sondern hat auch die Chance, als literarisches Werk zu überleben?«, erklärt Maidt-Zinke das Auswahlkriterium der Jury.

Ist es den sieben Literaturkritikern gelungen, den Lesern im aktuellen Bücherdschungel einen Wegweiser an die Hand zu geben? Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg, spricht von einer Kluft zwischen Publikums- und Jurygeschmack. »Ich habe ein bisschen den Eindruck, dass die Jury bewusst hohe ästhetische Maßstäbe anlegen wollte, um jeden Eindruck zu vermeiden, Einflüsterungen des Zeitgeistes zu erliegen.« Für Moritz ist die Belletristik-Nominierung eine »faustdicke Überraschung« und eine »kühne Liste«. Im Vorfeld hochgehandelte Autoren wie Fatma Aydemir (»Ellbogen«), Eva Menasse oder Jonas Lüscher (»Kraft«) fanden keinen Eingang.

Erfreulich sei, dass es mit der Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer die »Grand-Old-Lady« des Erzählens auf die aktuelle Kandidatenliste geschafft habe. Für Moritz aber ist Natascha Wodin, die dem Leben ihrer ukrainischen Mutter als Zwangsarbeiterin nachspürt, die Geheimfavoritin. Die Einschätzung teilt auch Literaturkritiker Hubert Winkels, bis 2015 selbst Jury-Vorsitzender in Leipzig. »Eine ergreifende und gut gestaltete Geschichte.« Winkels gratulierte der Jury zu ihrer Auswahl. »Es ist nichts dabei, wo man sagt, das sollte nicht dabei sein.« Während es bei anderen Buchpreisen auch um die Menge der verkauften Exemplare gehe, sei die Jury aus sieben Literaturkritikern von solchen Überlegungen völlig frei. »Das zeichnet sie aus.«

Der Preis der Leipziger Buchmesse wird auch in den Kategorien Übersetzung und Sachbuch/Essayistik vergeben. Die siebenköpfige Jury hat pro Kategorie fünf Nominierte ausgewählt. 106 Verlage hatten 365 Titel eingereicht. Der renommierte Preis ist mit insgesamt 60 000 Euro dotiert und zählt zu den wichtigsten Literaturauszeichnungen in Deutschland. Die Preisträger werden am 23. März zu Beginn der Leipziger Buchmesse gekürt.

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