05. März 2017, 18:58 Uhr

Familienaufstellung mit Stühlen

Es ist viel zu heiß an diesem Sommertag auf dem Landgut des reichen Arkadij – und die Gefühle kochen über. Andreas Kriegenburg, hoch geschätzter Gastregisseur am Schauspiel Frankfurt, hat sich nach Tschechows »Möwe« wieder eines russischen Sujets angenommen. In »Drei Tage auf dem Land« seziert er fein säuberlich und mit viel Gefühl ein fragiles Familiengeflecht, das auseinanderzubrechen droht.
05. März 2017, 18:58 Uhr
Sie können ihren Platz in der Gesellschaft nicht finden (v. l.): Spigelskij (Oliver Kraushaar), Lisaweta (Verena Bukal) und Vera (Alexandra Lukas). (Foto: Birgit Hupfeld)

Das Haus hat schon bessere Tage gesehen. Der Lack blättert ab, und der Wintergarten ist vollgestopft mit allerlei antiquiertem Mobiliar. In diesem Sammelsurium sucht die dekadente Gesellschaft ein wenig Abwechslung vom eintönigen Alltag – beim Kartenspiel und Musizieren, beim Philosophieren und Studieren, beim Essen und in der Liebe. Andreas Kriegenburg hat für Patrick Marbers aktualisierte Version von Ivan Turgenjews »Ein Monat auf dem Lande« ein überaus stimmiges Bühnenbild kreiert, das sich in der Pause dreht. Die raumfüllende schäbige Glasveranda ist in den Hintergrund gerückt. Das schafft Platz für einen großzügigen Freisitz, auf dem die Bewohner des Landguts und ihre Gäste durchatmen können – aber dennoch keine Ruhe finden. Denn ihr soziales Gefüge offenbart immer tiefere Risse, die sich bei aller Nonchalance nicht mehr kitten lassen. Nach und nach schleppen sie unzählige Stühle auf den Rasen, tauschen hastig irritiert immer wieder ihren Sitz und können ihren Platz in der Gesellschaft nicht wirklich finden.

Wer Stücke von Anton Tschechow kennt, weiß im Prinzip schon, wie diese behutsam modernisierte Komödie funktioniert. Wie stets bei russischen Dramatikern, liebt auch hier jeder den Falschen – eine unglückselige Kette von Sehnsüchten und Ablehnungen, die die Betroffenen in tiefe Krisen stürzt. Dreh- und Angelpunkt dieser Gefühlsverwirrungen ist die schöne Frau des wohlhabenden Gutsbesitzers, der Franziska Junge exzessiv Gestalt verleiht. Fast unerträglich bis zur Hysterie steigert sie sich in Nataljas überzogene Welt der Emotionen, die von einer Vielzahl von Verehrern genährt wird. Nur ausgerechnet der, den sie begehrt, wird ihr das Erwünschte verwehren.

Das Objekt der Begierde heißt Beljajew, frisch engagierter Hauslehrer des Sohnes Kolja, der unter der neuen Obhut geradezu aufblüht – wie so einige Damen auf dem Landsitz. Owen Peter Read hat so gar nicht das Format eines funkelnden Charmeurs – und doch verdreht er den Mädels, jungen wie älteren, geschickt den Kopf. Weil er den Rahmen der Familie sprengt, muss er am Ende seinen Hut nehmen – ebenso wie Dauerhausfreund Rakitin, den Felix Rech als zerrissene Seele in unerfüllter Liebe zeichnet.

Bei aller Verzweiflung kommt der Humor aber nicht zu kurz. Kriegenburg kitzelt unvermutet den Komiker bei einigen Darstellern heraus. Was Peter Schröder aus seiner bemitleidenswerten Figur des werbenden Bolschinzow macht, ist schon eine Nummer für sich! Mit Oliver Kraushaar als zynischem Arzt Spigelskij bildet er ein herrlich komödiantisches Paar, das das Premierenpublikum am Samstagabend zu spontanem Szenenapplaus hinreißt. Ein weiterer Höhepunkt des amüsanten Vergnügens ist Kraushaars (er hat Rücken!) Heiratsantrag mit vielen Spickzetteln, den Verena Bukal als sonst nicht so sprachlose Lisaweta später schluchzend ablehnen wird.

Isaak Dentler gibt angenehm zurückhaltend den weltfremden Gutsbesitzer Arkadij, der in seiner Arbeit aufgeht, aber so gar kein Gespür für die Befindlichkeiten seiner Frau und seines Kindes hat. Da kann Heidi Ecks als seine Mutter sich den Mund noch so fusselig reden – er will die Zusammenhänge einfach nicht begreifen. Komplettiert wird das glänzend aufgelegte Ensemble von Alexandra Lukas als impulsiver Pflegetochter Vera sowie Elena Packhäuser und Carlos Praetorius als Bedienstete. Michael Benthin gebührt als lebenserfahrenem Hauslehrer Shepherd das weise Schlusswort an den heranwachsenden Knaben Kolja, dessen Zukunft in den Sternen steht.

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