24. Oktober 2019, 17:50 Uhr

Doppeltes Jubiläum

24. Oktober 2019, 17:50 Uhr
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Von Axel Cordes
Die albanische Sängerin Elina Duni hat bei ihrem Auftritt auf dem Deutschen Jazzfestival ihr Soloprojekt mit melancholischen Liedern präsentiert. (Foto: Sascha Rheker)

Das 50. Deutsche Jazzfestival, aber schon seit 1953? Tatsächlich fand das Festival in Frankfurt regelmäßig statt, jedoch einige Zeit nur alle zwei Jahre. Seit 35 Jahren veranstaltet der Hessische Rundfunk das Festival, seit 2016 an den drei mittleren Abenden im angenehm altmodischen Ambiente des HR-Sendesaals am Dornbusch. Die Konzerte am Sonntag finden im Mousonturm statt, die Eröffnung war am Mittwoch im Großen Saal der Alten Oper.

Im Jubeljahr gratulieren die Festivalmacher einem weiteren Jubilar: dem 1969 von Manfred Eicher in München gegründeten Label ECM (Edition of Contemporary Music). Anfangs spezialisiert auf freiere Jazzformen, öffnete es sich später auch anderen Spielarten. Oft verwischte Coverfotos und immer glasklarer, transparenter Sound gehören zu den Markenzeichen des Labels.

Fest in dänisch-amerikanischer Hand ist der erste Auftritt mit dem Trio des Kopenhagener Gitarristen Jakob Bro, das um den legendären Trompeter Palle Mikkelborg erweitert wurde. Die Amerikaner Thomas Morgan (Bass) und Joey Baron (Drums), beide auch Langzeitkollegen des hörbaren Einflusses Bill Frisell, halten die Musik zusammen. Mikkelborgs Trompete bzw. Flügelhorn ist mit viel oder sehr viel Hall ausgestattet und liegt klanglich und atmosphärisch irgendwo in dem weiten Feld zwischen Miles Davis und Nils Petter Molvaer. Sogar vor Ping-Pong-Stereoeffekten - sehr retro! - schreckt die Tonregie nicht zurück. Dramaturgisch geschickt, entwickelt sich die Musik von Faststillstand über dezenten Groove, meist über einem pluggernd-grollenden Soundteppich unklarer Herkunft, bis zu angedeuteten Noise-Attacken und zurück zu fast körperloser Poesie. Sehr »ECMig« erscheint der Klang. Bro selbst ist wenig präsent, hat sich aber mit Slidegitarre und einigen rau tönenden Einlagen spürbar vom ursprünglichen Frisell-Sound emanzipiert.

Bass und Bigband

Gemeinsam mit der HR-Bigband produziert die Band des US-Bassisten Michael Formanek deutlich mehr Noten. Die »Exoskeleton Suite« und eine HR-Auftragskomposition sind musikalisch vielfarbig, meist zugänglich und nur gelegentlich sperrig. Die sonst eher schräg spielende Gitarristin Mary Halvorsen geht in dem großen Klangkörper unter, aber ihre lange Solopassage in Teil V der Suite entfaltet magische Wirkung, ebenso Patricia Brennans Solo am Marimbafon. Durch ihr Instrument klingt das Ensemble phasenweise sogar ein wenig zappaesk.

Zum Abschluss geht es in den intimeren Rahmen des Albert-Mangelsdorff-Foyers, in dem die meisten stehen müssen. Der Auftritt der mit zehn Jahren in die Schweiz gegangenen albanische Sängerin Elina Duni ist sicher der Höhepunkt des Abends - zumindest der emotionale. Mit Jazz hat das - obwohl auf ECM erschienen - fast gar nichts zu tun, denn die in Weiß gekleidete Sängerin präsentiert diesmal ihr Soloprojekt »Partir«, das »neun Aufbrüche in neun verschiedenen Sprachen« beschreibt.

Geschickt und charmant verbindet sie die meist melancholischen Lieder von Aufbruch, Abschied, Trennung, Flucht und Exil durch deutschsprachige Sprechtexte und gewährt dadurch ein Mindestmaß an Einblick in das, was sie da singt. Sie beginnt a cappella und begleitet sich später auf Gitarre, Flügel oder Rahmentrommel. Über allem strahlt ihre warme, wandlungsfähige Altstimme - völlig frei von Manierismen und Effekthascherei.

Das Publikum ist ihr vom ersten Ton an selig ausgeliefert und erklatscht sich zwei Zugaben. Mit »Willow weep for me« zeigt sie, dass sie auch Blues kann. Ein sehr berührender Abschluss des Abends. Die Konzerte werden auf HR2 live übertragen. Axel Cordes



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