11. Mai 2017, 19:01 Uhr

Der letzte Mohikaner

11. Mai 2017, 19:01 Uhr
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Von DPA
Kaiser

»Es ist mir eigentlich egal, wer unter mir Feuilleton-Chef ist.« So soll es der Literatur- und Musikkritiker Joachim Kaiser gesagt haben, nachdem er eben jenes Amt bei der »Süddeutschen Zeitung« 1977 aufgegeben hatte. Da blickte er schon auf eine lange Karriere zurück, die er auch in den folgenden Jahrzehnten mit verschiedenen Aufgaben ausfüllte – zuletzt mit einer Videokolumne auf der Webseite des »SZ-Magazins«. Gestern ist Kaiser nach längerer Krankheit im Alter von 88 Jahren in München gestorben.

»Er war jahrzehntelang der wohl einflussreichste deutsche Musikkritiker und eine prägende Stimme der ›Süddeutschen Zeitung‹«, würdigte ihn das Blatt in einem ausführlichen Nachruf auf der Internetseite. Er habe die Zeitung, ja das ganze Land geprägt. Für den »Vermittler der Schönen Künste« war die Kritik durchaus »eine eigene künstlerische Anstrengung«, sonst wäre Literatur- oder Musikkritik doch »nur eine blöde Bestandsaufnahme«, sagte Kaiser einmal. Der »ostpreußische Bayer« fing 1951 bei der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« und den »Frankfurter Heften« an. Über den Hessischen Rundfunk schaffte er es bis zum Leitenden Redakteur im Kulturressort der »Süddeutschen Zeitung« und damit neben dem anderen Kritikerpapst, seinem Freund Marcel Reich-Ranicki, zum wohl bedeutendsten und auch bekanntesten Starkritiker der Republik.

»Speere werfen und die Götter ehren« war sein von Schiller und dem Kritikervorbild Alfred Kerr (1867–1948) entlehntes Berufsmotto. »Kritik trifft das Ego viel mehr als Lob«, sagte er einmal. Auch wenn es dem Wesen Kaisers widersprach, andere Menschen wirklich zu verletzen, wusste er, dass eine übermäßige Vorsicht in seiner Zunft auch schnell langweilig wirken kann.

Kaiser wurde im Dezember 1928 als Sohn eines Landarztes im ostpreußischen Milken geboren, ging in Hamburg zur Schule, studierte in Göttingen, Tübingen und Frankfurt Musikwissenschaft, Germanistik und Philosophie. Zu seinen Lehrern zählte Theodor W. Adorno. Kaiser selbst sah sich als »der letzte Mohikaner« seiner Zunft, jedenfalls gab er seinen Lebenserinnerungen diesen Titel. Als man ihn einmal fragte, warum es solche Titanen der Kulturkritik wie ihn nicht mehr gebe, antwortete er: »Weil die jungen Menschen keinen Mut zum Pathos haben.«



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