10. April 2017, 18:55 Uhr

Der Klimakatastrophe trotzen

Biologie und Utopie verbinden sich in einer Ausstellung der Kunsthalle Mainz zur »Biotopia«. Die beteiligten Künstler der bis Ende Juli zu sehenden Gemeinschaftsschau nutzen digitale Techniken für Visionen jenseits des Klischees der unberührten Natur.
10. April 2017, 18:55 Uhr
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Von DPA
»Scent Print«: Elodie Pong fertigt ihre Pflanzenskulptur mit einem 3-D-Drucker. (Foto: dpa)

Kunst ist für Elodie Pong immer mit Leichtigkeit und einem Lächeln verbunden: »Es ist ein Spiel mit Wissenschaft und Ästhetik«, sagt die in Zürich lebende Amerikanerin zu ihren »Scent Prints« (Duft-Drucke) in der Kunsthalle Mainz. Dabei weisen die mit einem 3-D-Drucker gefertigten Pflanzenskulpturen auf eine große Sorge hin: »Wenn der echte Frühling irgendwann ausbleiben sollte, bleibt das Kunstwerk«, sagt die Kuratorin der Ausstellung »Biotopia«, Sabine Rusterholz Petko. Die bis Ende Juli zu sehende Gemeinschaftsschau von neun Künstlern wirft einen neuen Blick auf das Verhältnis von Mensch, Natur und Technik, auf Evolution und düstere Szenarien der Klimakatastrophe.

Pongs synthetische Pflanzen sind immerhin biologisch abbaubar, aus einem PLA-Kunststoff auf Basis von Maisstärke. Die Werke spiegeln eine Entwicklung in der Duft- und Kosmetikbranche, die natürliche Stoffe zunehmend durch synthetisch hergestellte Parfümbestandteile ersetzt. »Nötig wäre daher eine Bibliothek der verschwindenden Düfte«, meint die Künstlerin beim Rundgang durch die Ausstellung. Ihre Pflanzenskulpturen sind in einem »White Cube« platziert und werfen im Weißlicht magische Schatten auf die Wände. »So beleuchtet, entsteht ein virtueller Wald, ein Schattenwald, in dem nichts eindeutig ist.«

Pflanzen tauchen in »Biotopia« auf unterschiedlichste Weise auf. Der Schweizer Künstler Julian Charriere hat tropische Orchideen, Farne oder Kakteen in einer großen Glasvitrine mit flüssigem Stickstoff überzogen, bei minus 15 Grad tiefgekühlt. Wie »lebende Fossilien« präsentieren sie sich den Besuchern nun als mahnende Überlebende einer früheren Klimakatastrophe.

»Kunst kann keine direkten Lösungen anbieten, aber sie kann querdenken und Utopien für alternative Lebensformen entwickeln«, erklärt Kuratorin Rusterholz Petko. Dabei gehe es nicht darum, Natur rückwärtsgewandt als einen unberührten Urzustand zu verklären, sondern in ihrem Zusammenspiel mit dem Mensch und dem technischen Fortschritt zu begreifen: »Die Natur und unsere Körper befinden sich in einer Koevolution mit der Technologie.«

So nutzen Künstler mit zunehmender Selbstverständlichkeit das kreative Potenzial digitaler Technik für Visionen, die über die Realität hinaus weisen. Eine Virtual-Reality-Brille des in Rio de Janeiro lebenden Installationskünstlers Daniel Steegmann Mangrané versetzt den Besucher der Ausstellung in den tropischen Regenwald. Das Werk »Phantom (kingdom of all the animals and all the beasts is my name)« macht den Betrachter zum Teil der Natur, warnt mit dürren Blättern zwischen frischen Trieben zugleich vor der Zerstörung des Waldes und damit letztlich vor der Selbstzerstörung des Menschen. Einen Schritt weiter geht das Schweizer Künstlerpaar Monica Studer und Christoph van den Berg mit »Dark Matter – One Million Years Later«. Die am Computer generierte, sich ständig bewegende Animation erinnert an eine blubbernde Ursuppe, in der in einer fernen Zukunft der Anstoß für eine neue Evolution schlummern könnte.

Vielleicht aber kommt es doch eher so wie in der komplexen Installation der Luzernerin Dominique Koch ganz oben im Turm der Kunsthalle: In ihrem Zentrum steht die nur wenige Millimeter große Qualle Turritopsis dohrnii, die ihre Zellen immer wieder neu generieren und verjüngen kann, also potenziell unsterblich ist. »Solche Momente der Innovation ermöglichen es auch der Megamaschine Kapitalismus, sich selbst zu reproduzieren«, erklärt Rusterholz Petko. Das vierteilige Werk zeigt aber auch die »tote unsterbliche Qualle«, angestrahlt im Neonlicht, aber unfähig zu weiterem Leben.



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