09. September 2019, 22:22 Uhr

»Dallas« ohne Miss Ellie

Eine Rossini-Rarität zum Spielzeitauftakt. An der Oper Frankfurt erinnert ein Muslim nur entfernt an Shakespeares Otello. Das Publikum ist dennoch begeistert.
09. September 2019, 22:22 Uhr
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Von Manfred Merz
Als Otello (Enea Scala, mit Turban) aus Desdemona (Nino Machaidze) ein »Kopftuchmädchen« machen will, geht ein Raunen durchs Publikum. (Foto: Aumüller)

Das Militär bleibt diesmal außen vor. Es geht um Familienbande. Um Alt gegen Jung. Um Ausländer und Inländer. Um die Macht der weißen alten Männer. Am Ende erschießt sich Desdemona selbst und Otello bricht wehklagend über ihr zusammen.

Shakespeare hat an diesem Abend weitgehend frei. Der »Otello« von Gioachino Rossini setzt in der Regie von Damiano Michieletto an der Oper Frankfurt zum Auftakt der Spielzeit am Sonntag auf psychologische Beziehungen. Um die venezianischen Figuren ein wenig näher zusammenzurücken, wird aus Emilia die Schwester der Desdemona, und Jago hat plötzlich einen Cousin: Rodrigo. Das Einheitsbühnenbild von Paolo Fantin zeigt in den drei Akten ein Marmorzimmer mit angeschlossenem Marmorsaal, beides in Korkbraun.

Otello ist bei seiner Rückkehr nicht der siegreiche Feldherr afrikanischer Abstammung, sondern ein Muslim. Ein erfolgreicher Geschäftsmann mit Vollbart, Turban und gut gefülltem schwarzen Aktenkoffer. Gleichwohl singt er nach wie vor davon, die Angreifer besiegt zu haben. Otello geht in seinem Business über Leichen. Alle feiern ihn vordergründig. Die Herren tragen dunkle Anzüge, die Damen zeigen ihre Roben (Kostüme: Carla Teti). Und so wirkt die Mischpoke auf der Bühne wie ein italienisches »Dallas«, nur die schlichtende Miss Ellie fehlt, weshalb das Ganze tragisch endet.

Rossini hatte schon bei der Uraufführung 1816 in Neapel mit der elisabethanischen Vorlage des Mohren von Venedig nicht viel im Sinn. Es ging ihm weniger um die Eifersucht des Titelhelden als vielmehr um den Konflikt zwischen Desdemona und ihrem Vater. Wegen der Hochzeit mit Otello hat sie ständig Krach mit ihrem alten Herrn. Rossini setzt dazu auf rumorende Rhythmen und melancholische Melodien, besser bekannt unter dem Begriff Belcanto.

Auch wenn sein heute selten gespieltes Werk keinen Hit enthält, strotzt die Musik nur so vor Einfällen. Das Duett von Jago und Rodrigo im zweiten Akt gehört neben dem »Weidenlied« der Desdemona im Schlussdurchgang zu den schönsten Stücken der Partitur. Die Cavatine des Otello im ersten Akt stellt sofort klar, wem die Stunde schlägt. Und wo sonst singen gleich drei Tenöre bis in die höchsten Höhen um die Wette? Der 24-jährige Tondichter wurde seinerzeit vom Theater dazu genötigt, weil man drei gleichwertige Größen unter Vertrag hatte. Die Partie des Rodrigo, Otellos Konkurrent um die Gunst der Desdemona, ist nun aufgewertet.

Regisseur Michieletto sieht seine Arbeit als Drama über die Angst vor dem Fremden. Bei seinem Regiedebüt am Main in der vergangenen Spielzeit mit Franz Schrekers »Der ferne Klang« versetzte er die Handlung in ein Seniorenwohnheim.

Dazu passt im »Otello« das großformatige Gemälde von Gaetano Previati, das den Tod zweier Liebender zeigt. Die beiden schreiten, fleischgeworden, mehrmals stumm über die Bühne und reichen ein Schwert als mögliches Mordwerkzeug. Sie verdeutlichen: Dieser arabische Hengst hat in der venezianischen Oberschicht keine Zukunft. Sobald er den Einheimischen zu nahe kommt, beginnt die Ausgrenzung. Als Otello seiner Desdemona eine schwarze Stola ums Haupt legt und sie zum »Kopftuchmädchen« machen will, geht tatsächlich ein Raunen durchs ausverkaufte Haus.

Enea Scala verkörpert die Titelpartie voller Inbrunst. Er beherrscht die beiden Stimmfarben italienischer Heldentenöre alter Schule perfekt: »an« und »aus«. Steht er auf »an«, ringt er mit seiner Strahlkraft alle nieder, was ihm am Abend vom begeisterten Publikum den stärksten Applaus beschert. Für die erkrankte Karolina Makula singt Nino Machaidze in der Premiere (und in den nächsten Vorstellungen) die Desdemona. Der Angelina Jolie der Opernszene - Augen, Wangenknochen und die vollen Lippen erinnern an den Hollywood-Star - gelingt ihr Rolleneinstand mit Aplomb. Sie gibt die Unschuld vom Lande im weißen Kleid mit stimmlichem Glanz. Jack Swansons Rodrigo hat Schmelz. Die übrigen gut aufgelegten Darsteller, unter anderem Theo Lebow (Jago), Kelsey Lauritano (Emilia) und Thomas Faulkner (Vater Elmiro), gehören zum Ensemble oder zum hauseigenen Opernstudio. Der Chor macht wie gewohnt einen guten Eindruck.

Als Dirigent im Graben steht Sesto Quatrini, Künstlerischer Leiter des Litauischen Nationaltheaters in Vilnius. Der Italiener, Jahrgang 1984, formt bei seiner Premiere mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester einen beinahe kammermusikalisch intimen Klang. Die Rezitative wirken etwas bemüht, die Arien verfügen über Tempo. Das Orchester formuliert blitzsauber.

Am Main wird es in der neuen Spielzeit gleich drei Opern von Rossini geben, jeweils als Frankfurter Erstaufführung. Beim »Otello« handelt es sich um die Übernahme einer Produktion des Theaters an der Wien, die dort vor dreieinhalb Jahren Premiere feierte. Die Rossini-Rarität ist für Fans von Tenor-koloraturen und frühromantischer Kost ein Muss.



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