24. Februar 2019, 19:26 Uhr

Bruckner braucht keine Kathedralen

24. Februar 2019, 19:26 Uhr
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Von Bettina Boyens
Rhythmisch statt romantisch: Sir Simon Rattle rüttelt sein Publikum mit neuem Bruckner-Zugriff auf. (Foto: Tibor-Florestan Pluto/Alte Oper Frankfurt)

Rhythmische Präzision stand als wuchtiges Ausrufezeichen über dem ersten Fokuskonzert zu Sir Simon Rattle in der Alten Oper. Die betonte der gelernte Schlagzeuger Simon Rattle mit seinem London Symphony Orchestra, kurz LSO, in jeder Konzertminute des Abends. Während vertrackte Rhythmen in der Tonsprache des Ungarn Béla Bartók stilbildend wirken, verbinden sich mit dem Namen Bruckner vielmehr rührende Innigkeit, wuchtige Klanggebäude und majestätische Großschöpfungen.

In dessen lange vom Konzertsaal stiefmütterlich behandelten sechsten Symphonie betonte Rattle bewusst unsentimental markante Strukturen und deutliche Kontraste. Exponiert platzierte er die Kontrabässe als Vortragende des Hauptthemas im ersten Satz – gemeinsam mit den Celli – hoch oben hinter dem Orchester, an einem Ort, der sonst der Perkussion vorbehalten ist. Plastisch arbeitete Rattle den ewig pulsierenden Rhythmus des Majestoso heraus, der sich bis zum verklärenden A-Dur der ergreifenden Schlusstakte zieht. Mit derselben Neugier untersuchte er die pochenden Rhythmen des dritten Satzes, fand im Scherzo sowohl Verweise auf Richard Strauss wie auf Gustav Mahler und schloss den vierten mit deutlichen Diskrepanzen ab, die keinerlei romantischen Nachhall zuließen.

Sprühende Lust auf Neues

Auch der erste Programmpunkt mit Béla Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta aus dem Jahr 1936 ist kein Publikumsmagnet. In dieser mystisch anhebenden Komposition hatte Rattle den tiefen Streichern einen besonderen Platz zugedacht: Links und rechts an den Rändern hinter den übrigen Streichern platzierte er jeweils die Kontrabässe, die sich so spiegelbildlich gegenübersaßen und bildete mit Flügel und Celesta im Zentrum das verwunschen klingende Gegengewicht. Passend zum Bruckner setzte er in Bartóks viersätzigem Werk auf den Flügel als Partner des Schlagzeugs und untersuchte staunend die wunderlichen Klangwolken der Celesta als Zwitter zwischen Schlag- und Tasteninstrument.

Nach dem Konzert bewies der sympathisch wuselige Orchesterchef im Gespräch mit dem Chef der Alten Oper, Stephan Pauly, über »MusikRäume« nicht nur britischen Humor, in dem er den Brexit mit dem Ausbruch des Vesuvs verglich, sondern auch sprühende Lust auf Neues. Nachdem er artig die Akustik der Alten Oper als »a place to play Bruckner« bezeichnet hatte, schwärmte er von Londons »Centre of Music« und einem Umzug mit dem LSO vom Barbican Centre zum Platz, an dem heute das Museum of London steht. Die geplante Pyramiden-Architektur der Amerikanerin Liz Diller, der er bescheinigte, Jugendliche neugierig machen zu können und sie zu Visionen und Experimenten einzuladen, lobte er als »seductive place«. Da war er wieder in seinem Element, der eloquente Liverpooler, der Berlin neben überragenden Haydn- und Sibelius-Interpretationen als bedeutendstes Erbe erstklassige Erziehungsprojekte hinterlassen hat. Bettina Boyens



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