01. November 2017, 18:52 Uhr

Brennglas der Verwerfungen

01. November 2017, 18:52 Uhr
Letzte Handgriffe: Museumsmitarbeiter hängen im Kunstmuseum Bern das Gemälde »Leonie« von Otto Dix auf. (Foto: dpa)

Muss die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts neu geschrieben werden? Nach der Entdeckung eines mutmaßlich milliardenschweren »Kunstschatzes der Nazis« in der Wohnung des Münchner Rentners Cornelius Gurlitt war die Frage ernsthaft gestellt worden. Dass die Antwort »Nein« lautet, bestätigt nun die erstmalige Ausstellung einer Auswahl dieser Werke in Bern und Bonn. Dennoch gehören die Präsentationen von rund 400 Aquarellen, Zeichnungen, Druckgrafiken, Gemälden und Skulpturen aus dem Bestand von Gurlitts Vater Hildebrand (1895–1956), einem der Kunsthändler Adolf Hitlers, zweifellos zu den spektakulärsten Kunstereignissen des Jahres.

Drei Jahre nachdem Cornelius Gurlitt dem Kunstmuseum Bern mehr als 1500 Werke aus dem Nachlass seines Vaters vererbte, bieten die Ausstellungen in Bern sowie in der Bonner Bundeskunsthalle unter dem Motto »Bestandsaufnahme Gurlitt« wichtige kunst- und gesellschaftspolitische Einsichten. Mit der Annahme der Erbschaft hatte Bern sich schwergetan. Es sei eine Raubkunstdebatte befürchtet worden, in deren Folge »Schweizer Museen Bilder an allfällige (etwaige) Erben zurückgeben müssten«, berichtete der Vizepräsident des Museumsstiftungsrates Marcel Brülhart kurz vor der Eröffnung in der »Neuen Zürcher Zeitung«.

Hinzu kam, dass das Museum beinahe drei Millionen Franken aufbringen musste, vor allem für Rechtsstreitigkeiten rings um das Erbe. »Das Kunstmuseum hat die Erbschaft nicht aus einer Kosten-Nutzen-Überlegung angenommen, sondern weil es sich der damit verbundenen Verantwortung stellen wollte«, sagte Brülhart am Mittwoch.

Im Gurlitt-Fall wollte die Eidgenossenschaft aber von Anfang an auf Nummer sicher gehen. Innenminister Alain Berset erklärte: »Wie die Stiftung Kunstmuseum Bern mit der Bundesrepublik Deutschland und dem Freistaat Bayern vereinbart hat, sollen nur Werke in die Schweiz kommen, bei denen kein NS-Raubkunstverdacht besteht.«

Bei dieser Prämisse lag das Aschenputtel-prinzip nahe. Die Guten ins Berner Töpfchen, die Schlechten ins Bonner Kröpfchen. In Deutschland werden 250 Werke gezeigt, die noch unter Verdacht stehen. Titel: »Der NS-Kunstraub und die Folgen«. Provenienzangaben sollen den Exponaten eine »eigene Biografie« verleihen.

Die Schweiz präsentiert mit »Entartete Kunst – beschlagnahmt und verkauft« – rund 150 Werke mit wohl unanfechtbarer Eigentumssituation als Beispiele für eine zeitgenössische Kunst, die den Nazis verhasst war, aus Museen entfernt und heimlich zu Geld gemacht wurde. Auch mithilfe von Hildebrand Gurlitt. Der hatte ein Herz für diese Kunst und nutzte die Möglichkeit, etliche Stücke selbst zu erwerben.

Dazugehören Werke des Symbolismus, des Konstruktivismus und des Expressionismus. Die Berliner Sezession um Max Liebermann und Lovis Corinth ist vertreten, besonders aber sind es die modernen Bewegungen, die in Hildebrand Gurlitts Heimatstadt Dresden ihren Ursprung hatten, darunter die Gruppe Die Brücke und Künstler der Neuen Sachlichkeit, dabei vor allem Otto Dix, wie die Berner Direktorin Nina Zimmer hervorhob.

Einen Wermutstropfen gibt es in Bern. Ausgerechnet mit dem wertvollsten Exponat des Gurlitt-Bestands, dem Cézanne-Gemälde »La Montagne Sainte-Victoire«, gibt es Probleme. Es war zunächst als nicht raubkunst-verdächtig eingestuft worden. Nun haben sich Nachkommen von Paul Cézanne bei den Bernern gemeldet. Man sei im »guten« Gespräch, sagte Brülhart.

Umstritten ist die Frage, wie nachhaltig der »Kunstfund Gurlitt« sein wird. Dass die Werke aus dem Besitz von »Hitlers Kunsthändler« stammen, sei ihr »Alleinstellungsmerkmal«, erklärte der Leiter der Berner Sammlungen, Mathias Frehner. Doch wie groß mag das Interesse in einigen Jahren noch sein? Der Berner Galerist Eberhard W. Kornfeld, der mit Gurlitt geschäftlich zu hatte, warnte schon 2013, man habe es mit einem »Lagerbestand« zu tun, nicht mit einer großen Sammlung. Die Stücke seien »längst nicht alles Meisterwerke«.

Sammlungsdirektor Frehner verwies hingegen auf »Höhepunkte« expressionistischer Kunst. So könnten rund 40 der in Bern gezeigten Papierarbeiten als grafische Hauptwerke der jeweiligen Künstler gelten – darunter Beckmann, Dix, Kandinsky, Klee und Macke. Frehners Fazit: »Der Bestand Gurlitt ist ein Brennglas, in dem sich die politischen und wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und künstlerischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts bündeln und in größter Tiefenschärfe fassen lassen.«

Schlagworte in diesem Artikel

  • Adolf Hitler
  • Aquarelle
  • Cornelius Gurlitt
  • Gemälde
  • Kunsthändler
  • Kunstmuseen und Galerien
  • Lovis Corinth
  • Max Liebermann
  • Otto Dix
  • Paul Cézanne
  • Zeichnungen
  • DPA
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 20 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.