06. Februar 2017, 20:46 Uhr

Blutiger Bruderkrieg in Theben

Am Schauspiel Frankfurt wütet das totale Theater: In »Sieben gegen Theben/ Antigone« verwandelt Ulrich Rasche das Bockenheimer Depot mit seinem formstrengen Chortheater in einen verstörenden Angsttempel. Nie hat das besser gepasst: Mit seinem umstrittenen Pathostheater tifft er nicht nur den archaischen Geist der Antike, sondern auch den Nerv des aktuellen Weltgeschehens.
06. Februar 2017, 20:46 Uhr
Alle seine Boten berichten Vernichtendes aus der Schlacht. Herrscher Eteokles (Alexander Fehling, 3. v. l.) will das nicht wahrhaben. (Foto: Birgit Hupfeld)

Es beginnt mit einem unheilverkündenden, leise drohenden Paukenschlag und dem Drehen der riesigen beweglichen Holzscheibe auf der Bühne. In den nächsten 90 Minuten wird dieses schreckliche Fortunarad nicht mehr still stehen. Und der Klangteppich aus unerbittlichen Paukenschlägen, düsteren Synthesizer-Klängen und dem Klagegesang von Keith Bernard Stonum nicht mehr verstummen. Aischylos belagerte Thebaner werden mit rhythmischem Chorsprechen vom Bruderkrieg berichten. Die furchtbar zitternden Jungfrauen, allen voran Paula Hans mit schreckgeweiteten Augen, die sich in weißen Hemden und mit weißer Farbe beschmiert, vor den anstürmenden Truppen des Polyneikes zusammenrotten, werden nicht aufhören, vor Entsetzlichem zu warnen. Ein pechbeschmierter Bote nach dem anderen wird aus der Schlacht torkeln und von den Erlebnissen an der Grenze des Wahnsinns berichten.

Zwar sitzt man im alten Eisenbahndepot einer zivilisierten Großstadt, kann aber durch die Wucht von Rasches Elementartheater die heutigen Höllenqualen der Eingekesselten in Aleppo, Al-Rakka oder Falludscha nachempfinden. Gleichzeitig wird die berühmte Sprechwucht des Chores als Eigentümlichkeit der attischen Tragödie sinnlich erfahrbar gemacht.

Im Zentrum des Geschehens aber und beständig im Versuch, in der Mitte der Drehscheibe sicheren Tritt zu behalten, steht der beeindruckende Schauspieler Alexander Fehling als Eteokles. Bekannt aus den Kinofilmen »Goethe!« und aus Tarantinos »Inglourious Basterds«, ist er nach fünf Jahren erstmals wieder auf einer Theaterbühne zu bewundern. Sein Eteokles ist mitschuldig am Leid der Thebaner. Hatte doch Vater Ödipus verfügt, dass er sich mit seinem Bruder Polyneikes in jährlichem Wechsel die Führung der Stadt teilen soll. Aber nach einem Jahr Regentschaft ist er nicht bereit, die Macht an seinen Bruder abzugeben. Daher zieht Polyneikes gegen ihn in den Krieg. Am Ende wird er durch den tödlichen Zweikampf den Fall der Stadt abwenden und damit den Fluch der Labdakiden erfüllen.

Noch spannungsreicher gelingt Rasche Sophokles »Antigone«-Teil nach der Pause. In der stark gekürzten und veränderten Version setzt er den starrsinnigen Kreon samt Gefolgschaft aufs ansteigende Laufband, Bettina Hoppe als Antigone und die Ismene von Paula Hans dagegen auf eines am Boden, in entgegengesetzter Richtung. Antigone pocht auf dem Bestattungsrecht für ihren toten Bruder Polyneikes, den Kreon zur Abschreckung den Aasfressern überlassen will. Als er, anders als bei Sophokles, beide Schwestern zum lebendigen Eingemauertwerden verdammt, verwandelt sich das Grauen in pure Depression. Die brutalen Autokraten und Mitläufer sind hier immer auf dem Weg nach oben, Menschlichkeit und Mitleid haben in dieser Welt keinen Raum mehr.

Nach knapp dreieinhalb Stunden Theaterwahnsinn spendete das spürbar erschöpfte Publikum trotzdem noch trampelnden Applaus. Wer noch Karten haben will, muss sich beeilen: Die nächsten zehn Vorstellungen sind bereits ausverkauft.

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