24. September 2017, 21:57 Uhr

Besetzt und bespielt

24. September 2017, 21:57 Uhr
Mit einer herausragenden Stefanie Reinsperger in der Hauptrolle hat »Der kaukasische Kreidekreis« am Berliner Ensemble Premiere gefeiert. (Foto: dpa)

Selten wird um die Zukunft des Theaters so handfest gekämpft. Kunst- und Politaktivisten halten Chris Dercons Volksbühne besetzt. Und im Schatten der Belagerungs-Hysterie startet Oliver Reese am Berliner Ensemble in die Ära nach Claus Peymann – mit großer Schauspielkunst. Einen Triumph feiert die 29-jährige Österreicherin Stefanie Reinsperger. Ihr Berlin-Debüt gab die preisgekrönte Schauspielerin am Samstagabend in der Rolle der mitfühlenden Magd Grusche in Brechts »Der kaukasische Kreidekreis«. Die Zuschauer jubelten.

An der Volksbühne will das Publikum sein Programm dagegen selbst machen. Seit Freitagnachmittag belagern Aktivisten das Theater des ungeliebten neuen Intendanten Dercon. Ein Künstlerkollektiv namens »Staub zu Glitter« kündigte an, in der Volksbühne solle ein »Anti-Gentrifizierungszentrum« entstehen. Die Übernahme sei als »darstellende Theaterperformance« zu sehen, ein eigenes Programm werde auf die Beine gestellt. Bis dahin wird erstmal Party gemacht. Dercon taucht zuerst ab, verhandelt dann noch in der Nacht gemeinsam mit Kultursenator Klaus Lederer (Linke) mit den Besetzern – und zeigt sich dann relativ gelassen. Bitte Hausregeln beachten, das Haus nicht beschädigen und den Mitarbeitern friedlich begegnen, appelliert das Volksbühnenteam an die Eindringlinge. »Und bitte lüftet mal.« Sollte die Besetzung am heutigen Montag allerdings noch andauern, »sind wir gezwungen, den Probenbetrieb an der Volksbühne einzustellen«, so Dercon.

Die Volksbühnen-Besetzung wird auch von den Besuchern des Berliner Ensembles leidenschaftlich diskutiert. Als der Vorhang fällt, ist dort aber erstmal echtes Theater angesagt. Bereits am Donnerstagabend begann der Premieren-Marathon, mit dem Reese seine erste Spielzeit startet.

Zum Einstand spritzt das Theaterblut in Antú Romero Nunes’ Version von Camus’ Tyrannen-Drama »Caligula«. Mit der zweiten Premiere am Freitagabend löst Reese dann sein Versprechen ein, aus dem Berliner Ensemble in Zukunft eine Bühne für internationale zeitgenössische Dramatik zu machen. Als deutschsprachige Erstaufführung zeigt die Slowenin Mateja Koleznik das düstere Beziehungsdrama »Nichts von mir« des Norwegers Arne Lygre. Als Höhepunkt des Premieren-Reigens wurde am Samstagabend Thalheimers »Kreidekreis« heftig beklatscht. Mit diesem Werk hatte Brecht 1954 das Theater am Schiffbauerdamm neu eröffnet.

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