19. Mai 2017, 18:41 Uhr

Aufbrüche und Abschiede

19. Mai 2017, 18:41 Uhr
Bekanntes Stück – neuer Text: Liliane Amuat, Franziska Hackl und Barbara Horvath (v. l.) in Simone Stones Tschechow-Adaption »Drei Schwestern«. (Foto: dpa)

Vorhang auf für den letzten Akt: Mit der Verleihung des Alfred-Kerr-Darstellerpreises geht das 54. Theatertreffen morgen zu Ende. Es war ein Festival der Aufbrüche und der Abschiede. Auffallend viele junge Regisseure haben es dieses Mal in die Zehner-Auswahl des Theatertreffens deutschsprachiger Bühnen geschafft. Modern, musikalisch und experimentell ist die Bühnensprache, mit der Theatermacher wie Simon Stone (Jahrgang 1984), Thom Luz (Jahrgang 1982) oder Ersan Mondtag (Jahrgang 1987) arbeiten.

Das klassische Schauspieler-Theater mit klassischen Theatertexten scheint fast ausgedient zu haben. Auch Künstler wie die Truppe Forced Entertainment mit »Real Magic« oder Kay Voges vom Schauspiel Dortmund mit »Die Borderline Prozession – Ein Loop um das, was uns trennt« sind näher an der Performance als am Sprechtheater. Um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlen die Regisseure mit allen Mitteln der Kunst.

Da gibt es extrem laut und in Endlosschleife wabernde Klangteppiche, Videoübertragungen, überlange Choreinlagen und Bühnenbilder, die Kunstinstallationen gleichen. Allein der Kraft der Sprache, der Emotionen befördernden Poesie, scheinen immer weniger Theatermacher zu vertrauen. Und gibt es doch ein Stück mit klassischen Dialogen, dann werden sie wie bei Simon Stones Tschechow-Adaption »Drei Schwestern« komplett neu geschrieben und auf 2017er-Umgangssprache getrimmt.

Es herrscht Aufbruchsstimmung beim Treffen der deutschsprachigen Theaterelite – aber auch eine leicht melancholische Stimmung des Abschieds lag über dem Festival. Das begann bereits am ersten Festivalwochenende, wo im überfüllten Festspielhaus der Regisseur Herbert Fritsch mit dem Theaterpreis Berlin geehrt wurde. Als Laudator stand der scheidende Volksbühnen-Intendant Frank Castorf auf der Bühne, mit dem Fritsch lange zusammenarbeitete.

Mehr als ein Hauch von Wehmut lag in der Luft, als das Publikum nicht nur Preisträger Fritsch beklatschte, sondern gleichsam auch Abschied von den wackeren Volksbühnen-Mannen nahm, die jahrzehntelang die Theaterszene auch weit über Deutschland hinaus mitbestimmten. Die Zukunft der Volksbühne liegt nun in den Händen des umstrittenen belgischen Kunstexperten Chris Dercon, der zur neuen Spielzeit Chef des Hauses wird.

Der zweite große Abschiednehmende beim Theatertreffen war Claus Peymann. Der Direktor des Berliner Ensembles macht zum Saisonende eher widerwillig seinem Nachfolger Oliver Reese Platz. Vor den Spielstätten des Theatertreffens baute er einen Büchertisch auf, er selbst nahm daneben immer wieder auf einem Klappstuhl Platz und wartete. Er wartete auf Käufer für seine beiden zusammen fünf Kilo schweren Bild- und Textbände, in denen er die 18 Jahre seiner Intendanz am Berliner Ensemble noch einmal Revue passieren lässt. Peymann selbst war ebenso wie andere Regie-Altmeister schon länger nicht mehr zum Theatertreffen eingeladen. Die zum Festival eingeladenen Regisseure würden immer jünger, kritisierte er. »Der Jugendwahn ist ausgebrochen.«

Zum Abschluss des 16-tägigen Festivals wird morgen der Alfred-Kerr-Darstellerpreis verliehen. Die nach dem berühmten Berliner Theaterkritiker benannte, mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung wird für die herausragende Leistung einer jungen Schauspielerin oder eines Schauspielers aus einer der zum Festival eingeladenen Inszenierungen vergeben. Jurorin ist Schauspielerin Imogen Kogge. Mit dem Kerr-Preis wurden zu Beginn ihrer Karriere bereits Schauspieler wie Devid Striesow, Fritzi Haberlandt, Johanna Wokalek und Lina Beckmann ausgezeichnet.

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