18. Januar 2019, 18:11 Uhr

Auf den Flügeln der Freiheit

Beim »Jungen Konzert« des HR-Sinfonieorchesters moderierten sechs Jugendliche aus Münster souverän den »Eötvös 3«-Abend in der Alten Oper Frankfurt. Dabei schlugen die Schüler der aktuellen HR-»Spielzeitschule« gemeinsam mit dem dirigierenden Komponisten den Bogen des Freiheitsbegriffs von Jean-Jacques Rousseau bis hin zu Béla Bartók.
18. Januar 2019, 18:11 Uhr
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Von Bettina Boyens
Auch ohne Taktstock ein unverwechselbarer Dirigent: Péter Eötvös. (Foto: Sascha Rheker)

Er habe sich nur eine kleine Freiheit erlaubt, »nämlich die Krawatte abzunehmen«, scherzte Komponist Péter Eötvös nach der Pause, von sechs Jungen und Mädchen der G10a »Auf der Aue« nach seinem Freiheitsbegriff gefragt. 1989 habe er zum ersten Mal die wirklich große Freiheit erlebt, fuhr der 75-jährige ungarische Komponist dann ernsthaft fort. Sein Heimatland Ungarn sei damals frei und später, im Jahr 2004, auch Teil Europas geworden. Vorher sei die individuelle Freiheit in Ungarn »sehr begrenzt« und speziell Kompositionen aus dem Westen verboten gewesen. Er wendete sich dann mit eindringlichen Appell an das vorwiegend jugendliche Publikum zwischen 14 und 25 Jahren: »Diese Freiheit ist nicht gegeben. Für die muss man arbeiten, die muss man wollen und die muss man verteidigen.«

Nichts hätte besser gepasst, als anschließend seine dem Konzertabend den Titel gebende Komposition zu Gehör zu bringen. Das Werk beschäftigt sich mit den Bewegungen eines Adlers, der »hoch am Himmel gleitend, bewegungslos, mit weit gespannten Schwingen Raum gewinnt«, so beschreibt der Komponist Péter Eötvös es selbst: »The Gliding of the Eagle in the Skies« heißt die zwölfminütige Komposition aus dem Jahr 2011. Nicht nur hier brillierte das HR-Sinfonieorchester, schließlich war das Orchesterstück unter Andrés-Orozco-Estrada 2012 in Frankfurt aus der Taufe gehoben worden. Packend zu erleben, wie die zwei Cajones, also baskische Kistentrommeln, die Flügelbewegungen des majestätischen Tieres beschreiben und im Verein mit dem Konzertmeister, dem ersten Cellisten und einer ausgefeilten Percussion große musikalische Himmelskreise ziehen.

Dabei hatte der Abend, auf dem Eötvös diesmal rein ungarische Komponisten versammelt hatte, mit einem akustisch-optischen Traum begonnen: Die in eine bodenlang fließende Jugendstilrobe gewandete Norwegerin Vilde Frang als Interpretin von Béla Bartóks erstem Violinkonzert wirkte wie aus der Entstehungszeit 1907 herübergebeamt. Dazu ihre sehr eigene Art, mit der sie tief versunken den warm zitternden Klängen ihrer Vuillaume zu lauschen schien, beglaubigte das wohl hinreißendste, wenn auch nicht erwiderte musikalische Liebesgeständnis eines Komponisten jemals. Besonders bewegend: Ihre seltsam beiläufig dargebotene Doppelgriffzugabe, die scheinbar ein einfaches Volkslied interpretierte. Aber nein, das war ja die deutsche Nationalhymne, genauer das Kaiserlied von Joseph Haydn, staunte der jugendliche Saal und applaudierte frenetisch.

Ausdrucksstark dirigiert

Abgerundet wurde der von Eötvös zwar durchweg taktstocklos, aber ausdrucksstark dirigierte Abend von Zoltán Kodálys archaischem Chor- und Orchesterwerk »Psalmus Hungaricus« und mit ihm die wuchtige Ausgestaltung des Freiheitsbegriffs aus dem 55. Psalm: »Hätte der Herr mir Flügel gegeben, wär ich nimmer hier, wär längst schon entflogen.« Wunderbar klar und rhythmisch setzte der Frankfurter Klangkörper die melodramatische Anrufung im Verein mit dem ungarischen Tenor István Kovácsházi und der Internationalen Chorakademie Lübeck als Monolith in den Raum.



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