04. Oktober 2017, 18:39 Uhr

Packender Fall am Vorabend der Revolution

04. Oktober 2017, 18:39 Uhr
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Von DPA
Nicht ohne Zigarette: Fares Fares als Polizist in der »Nile Hilton Affäre«. (Foto: dpa)

Im Winter vor sieben Jahren nahmen die Proteste des sogenannten Arabischen Frühlings ihren Anfang. »Die Nile Hilton Affäre« nun ist ein Film, der uns in genau diese Zeit führt: Es geht ins Ägypten am Vorabend der Proteste und Unruhen rund um den Tahrir-Platz in Kairo. Der knapp zweistündige Polit-Thriller aber zeichnet nicht nur das Bild eines in Aufruhr versetzten Landes. Es geht auch um einen mysteriösen Mordfall in einem Luxushotel und einen Polizisten, den eben dieser Mord einfach nicht mehr loslässt.

Regie führte Tarik Saleh, der ägyptischer Abstammung ist, jedoch in Schweden geboren wurde. In der beeindruckenden Hauptrolle zu sehen ist der Schauspieler Fares Fares, den man aus den Verfilmungen der Jussi-Adler-Olsen-Romane »Erbarmen«, »Schändung« und »Erlösung« kennt.

Zu Beginn des Films, wir schreiben den 15. Januar 2011, ist Hosni Mubarak auf einem TV-Gerät zu sehen – nur wenige Wochen bevor der ägyptische Staatspräsident zurücktreten wird. Bald darauf geht es in ein schickes Hotel, das titelgebende Nile Hilton in Kairo: Eine hübsche junge Frau liegt tot in einem der Zimmer. Unter den anwesenden Beamten ist auch Noredin, ein junger und doch vom Leben schon gehörig durchgerüttelter Polizist: Seine Frau hat er bei einem Unfall verloren. Bei der Leiche im Hotel handelt es sich um einen arabischen Popstar, genannt Lalena. Eine junge Sudanesin konnte den Mörder beobachten. Die Afrikanerin aber, die illegal in Ägypten ist, macht sich schnell aus dem Staub. Kaum hat Noredin sich des seltsamen Falls angenommen, da wird die Akte auch schon geschlossen: Lalena, so heißt es offiziell, habe sich selbst das Leben genommen. Noredin weiß, dass dem nicht so ist, und so ermittelt der Polizist eben fortan eigenhändig.

Wunderbarer Hauptdarsteller

Es gibt kaum eine Szene in diesem Film, die nicht damit beginnt, dass sich der wunderbare Hauptdarsteller eine Zigarette in den Mund steckt, um sie daraufhin anzuzünden. Fares Fares, der im Libanon aufwuchs und nach Schweden zog, als er 14 Jahre alt war, verkörpert den ägyptischen Polizisten auf eine zu jeder Sekunde faszinierende Art. Sein markantes Gesicht mit der übergroßen Nase, das tiefschwarze, stets glänzende Haar, die Schrottkarre von einem Auto, die verführerischen Frauen, die vielen Zigaretten: All das trägt dazu bei, dass man sich weniger in Kairo, denn in einer amerikanischen Großstadt der 1940er Jahre wähnt.

Das dunkle Setting – fast nie ist die Sonne zu sehen – trägt dazu bei, dass man sich an Kriminalwerke des Genres Film noir erinnert fühlt. Zugleich mutet das Leinwandgeschehen fast wie eine Dokumentation an. Was daran liegen mag, dass die Schauspieler, die hier Ägypter verkörpern, auch tatsächlich aus Ägypten stammen. Sie haben, so heißt es, die revolutionären Ereignisse des Jahres 2011 selbst miterlebt.

Zwischen den amerikanischen Großproduktionen, die das hiesige Kinoprogramm auf der einen Seite und den vielen kleineren, zumeist deutschen Arthouse-Filmen, die das Angebot auf der anderen Seite dominieren, hat dieses Werk fast schon so etwas wie eine Sonderstellung inne: »Die Nile Hilton Affäre« ist so spannend wie intelligent, so eingängig (und fast massenkompatibel) wie hintersinnig. Ein Film, der wohl bei Krimi- und oder Thriller-Fans genauso punkten wird wie etwa bei Kinobesuchern, die sich für Politik oder Historie begeistern.

Die »Hilton Affäre« erzählt nicht nur einiges über ein Land am Rande des Zusammenbruchs. Sie tut dies auch mit ungemein einnehmenden Mitteln. Und so überrascht es denn auch keineswegs, dass die schwedisch-deutsch-dänische Koproduktion beim renommierten Sundance Film Festival mit dem World Cinema Grand Jury Prize in der Kategorie »Dramatic« ausgezeichnet wurde.

Matthias von Viereck

Spannende Unterhaltung wird im Licher Traumstern und Marburger Capitol gezeigt.



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