22. Februar 2017, 20:18 Uhr

»Bailey«

Humpelnd auf Verbrecherjagd Albtraum in den Alpen Mein Freund, der Hund Katz-und-Maus-Spiel mit Pablo Neruda

Ein erfolgsverwöhnter US-Regisseur jongliert in einem Schweizer Sanatorium mit Thomas-Mann- und Kubrick-Motiven, während ein junger amerikanischer Schauspieler nachhaltig beeindruckt.
22. Februar 2017, 20:18 Uhr
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Von DPA
Als Cop beliebt: Mark Wahlberg als Tommy Saunders. (Foto: dpa)

Knapp vier Jahre ist es her, als im Zieleinlauf des Boston-Marathons zwei Sprengsätze explodierten und drei Menschen getötet wurden, darunter ein achtjähriger Junge. 260 Menschen wurden zudem verletzt. Wie man Zeitgeschichte würdevoll mit Spannung, Action und ein wenig Pathos kombiniert, das hat Peter Berg zuletzt in seinem Ölplattform-Drama »Deepwater Horizon« gezeigt. In »Boston« nun hat der versierte Action-Regisseur die tagelange Jagd auf die beiden Bombenleger von Boston akribisch rekonstruiert.

Nach »Lone Survivor« (2013) und »Deepwater Horizon« (2016) ist Mark Wahlberg erneut der Hauptdarsteller – ein heroischer und unverwüstlicher Superheld ist er allerdings nicht. Ganz im Gegenteil. Der Hollywood-Star, der einen beliebten, wenn auch sehr eigensinnigen Cop spielt, ist der lädierte Held – im wahrsten Sinne des Wortes. Nachdem er sich bei der Verbrecherjagd am Knie verletzt hat, humpelt er durch den ganzen Film. Aber er ist ja nicht allein. Obwohl »Boston« mit Kevin Bacon (FBI-Agent), John Goodman (Polizeichef) und J. K. Simmons (Police Sergeant) prominent besetzt ist, so nimmt sich doch jeder der starken Charakterschauspielern zurück. Niemand drängt sich in den Vordergrund, die Last ist auf viele Schultern verteilt. Will man Erfolg haben, dann sind Teamgeist, Gemeinschaft und Zusammenhalt gefragt. Hand in Hand – nur so geht’s. Die Botschaft dürfte in den USA, einem momentan zutiefst gespaltenen Land, durchaus ankommen.

Für die vielen emotionalen Momente sorgen schließlich die eingewobenen Schicksale einiger Paare, die irgendwann alle die Wege der Attentäter kreuzen werden. Auch hier ist die – etwas schlichte – Botschaft klar: Nur die Liebe kann letztlich den Hass besiegen.

Der Hass, das sind die beiden Brüder Zarnajew (Alex Wolff, Themo Melikidze), deren Beweggründe in Bergs Action-Thriller aber seltsam nebulös bleiben. Ein Internet-Video über das Bombenbauen muss als Hinweis auf die Radikalisierung der beiden Attentäter reichen. Berg legt da mehr den Fokus auf die Beziehung der beiden Brüder, die sich langsam entzweien: »Du sollst mich nicht wie ein Kind behandeln«, sagt der Jüngere.

Trotz seiner durchaus bedächtigen und dem Drama angemessen zurückhaltenden Inszenierung, verleugnet Berg nicht, dass er vom Action-Film kommt. Da dröhnen die Hubschrauber, gibt es wilde Verfolgungsjagden und bleihaltige Schießereien, die problemlos aus einem Western stammen könnten.

Eingesetztes Archivmaterial und dokumentarisch anmutende Szenen verleihen dem Film dabei zuweilen ein hohes Maß an Authentizität, auch wenn es Berg bei den Action-Einstellungen ein bisschen übertreibt und in seiner Drastik ein wenig über das Ziel hinausschießt. Gerade gegen Ende geht seinem ansonsten aber stimmigen Film, der nicht zuletzt den Einwohnern von Boston ein würdiges Denkmal setzt, jedoch ein bisschen die Luft aus. Aber manch abgeflachter Spannungsbogen wird durch den rauschenden Industrial-Sound der Oscar-Preisträger Trent Reznor und Atticus Ross (»The Social Network«) genial aufgefangen.

Wolfgang Marx

Action garantiert in Gießen (Kinopolis), Marburg (Capitol) und Nidda (Lumos).

Gore Verbinskis Name steht für eine der erfolgreichsten Kinoreihen: die legendären »Fluch der Karibik«-Filme mit Johnny Depp. Die ersten drei Teile der Piratensaga, entstanden unter der Ägide von Verbinski, spielten weltweit zusammen mehr als zweieinhalb Milliarden US-Dollar ein. Zuerst aber hatte der Regisseur vor 15 Jahren mit der Neuverfilmung eines japanischen Horrorwerks international auf sich aufmerksam gemacht: Sein »Ring« mit Naomi Watts war ein weltweiter Hit, der ein Vielfaches seiner Produktionskosten einbrachte. 2017 nun stellt der Amerikaner mit »A Cure for Wellness« erneut unter Beweis, dass er ein Händchen für Gruselstoffe hat.

Verbinski, der auch am Drehbuch beteiligt war, nennt seinen Protagonisten schlicht Mr. Lockhart. Der ist ein so hoch strebender wie ermatteter Investmentbanker. Aus einem düsteren, sämtlicher Farben beraubten New York wird er in ein sonniges Alpenparadies geschickt – ein vermeintliches Paradies, wie sich im Lauf des Films herausstellt.

Lockhart soll den Chef seiner Firma zurück in die Staaten holen. Es geht um eine schwierige Fusion, da darf der Boss nicht fehlen. Dieser aber möchte (oder darf) das idyllisch gelegene Sanatorium nicht verlassen.

Als Lockhart merkt, wie wenig seine Überzeugungskunst bei der Leitung der Heilanstalt fruchtet, will er abreisen. Ein Wildunfall aber hindert ihn daran. Mit eingegipstem Bein findet er sich im Sanatorium wieder. Lockhart muss allmählich erkennen, dass man auch ihn nicht so schnell entlassen wird. Dem New Yorker Jungspund dämmert, dass es den höflichen Ärzten in ihren schneeweißen Unschuldskitteln weit weniger um die Genesung der Patienten geht, als sie vorgeben.

»Zauberberg« lässt grüßen

Die deutsch-amerikanische Koproduktion »A Cure for Wellness« mutet wie ein unentwegt sich drehendes Zitat-Karussell an. Immer wieder fühlt man sich an frühere Filme erinnert, mal muss man an Martin Scorseses Psychothriller »Shutter Island« denken, mal an den Gruselklassiker schlechthin: Stanley Kubricks »The Shining«. Wenn Lockhart sich in den Gängen des alpenländischen Sanatoriums verliert, weckt das außerdem Erinnerungen an das in den Bergen von Colorado gelegene »Overlook«-Hotel mit einem Axt schwingenden Jack Nicholson.

Am offensichtlichsten aber, neben kafkaesken »Schloss«-Momenten, sind die Verweise auf Thomas Manns »Zauberberg«. Wie Hans Castorp in dem vor 93 Jahren veröffentlichten Roman wird auch Lockhart viel länger im Schweizer Sanatorium bleiben, als ursprünglich geplant. Wie im »Zauberberg« so werden auch bei Verbinski die Toten des Sanatoriums heimlich entsorgt. Einmal gar hält ein vom deutschen Schauspieler Godehard Giese verkörperter Klinikmitarbeiter eine Ausgabe des »Zauberbergs« in der Hand.

Wahrscheinlich wird dieser eigenartige Film keinen Preis für seine Geschichte, für sein Drehbuch bekommen. Dafür ist das, was hier passiert, zu obskur und skurril; vor allem zum Finale hin dieses schier nicht enden wollenden Zweieinhalbstünders. Und doch fesselt einen Verbinski über die gesamte Länge seines Films – was nicht zuletzt an der exquisiten Bildgestaltung (Kamera: Bojan Bazelli) liegt. In den zurückliegenden zehn Jahren gab es im Kino wohl keinen Gruselfilm mit derart elegant komponierten und ausgesuchten Bildkompositionen, darunter atemberaubende Bergpanoramen. Hier zeigt Verbinski, welch virtuoser Filmemacher er ist.

Partiell bemerkenswert sind auch die schauspielerischen Leistungen. Wobei vor allem das kräftezehrende und eindringliche Spiel von Dane DeHaan nachklingt, dessen Lockhart an einen Leonardo DiCaprio erinnert. Der 31-Jährige (»The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro«) empfiehlt sich mit dieser Rolle als einer der interessantesten jüngeren Darsteller Hollywoods. DeHaans zwischen Arroganz und Verzweiflung changierenden, aus stahlblauen und blutunterlaufenden Augen kommenden Blick in »A Cure for Wellness« schüttelt man so schnell nicht wieder ab.

Freunde des Gruselfilms treffen sich in Gießen (Kinopolis), Friedberg (Kinocenter), Marburg (Cineplex), Nidda (Lumos) und Nidderau (Luxor).

Eine Katze hat neun Leben, aber wie viele Leben hat ein Hund? Im Film »Bailey« des schwedischen Erfolgsregisseurs Lasse Hallström (»Chocolat«) kommt der Vierbeiner, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, immer wieder zur Welt. Dabei fragt sich die Hundeseele: »Was ist der Sinn des Lebens? Wozu sind wir hier?« Die Antwort in dem durchweg zucker süßen Familienfilm lautet: um die Besitzer zum Lachen und zum Lieben zu bringen. Dabei lässt »Bailey«, der auf dem Roman »Ich gehöre zu dir« von W. Bruce Cameron basiert, kaum ein Klischee des Heldenhundes aus. In seinen verschiedenen Reinkarnationen in diversen Rassen rettet der Protagonist eine Familie aus einem brennenden Haus, ein Mädchen aus dem Fluss, den Besitzer vor dem bösen Buben und verkuppelt außerdem zwei Pärchen.

Besonders angetan hat es dem Hund sein Herrchen Ethan Montgomery, gespielt von Bryce Gheisar, K. J. Apa und Dennis Quaid – je nachdem, in welchem Jahr der Film sich gerade befindet. Zu diesem möchte der Vierbeiner unbedingt zurück, schließlich konnte er bei niemandem sonst so viel auf sonnengefluteten Wiesen Bälle fangen und im Bett kuscheln. Bis zum Happy End müssen die Zuschauer zunächst aber einige rührselige Lebensweisheiten ertragen. Der Film bietet dabei ein Abbild von dem, was wohl die Lebenswirklichkeiten typischer US-Amerikaner beschreiben soll. Natürlich gehört dazu ein erfolgreicher Football-Spieler, der sich verletzt und deswegen das Uni-Stipendium nicht bekommt. Außerdem ein tatkräftiger Polizist, ein verarmtes junges Pärchen in einer Bruchbude mit Sperrmüllgarten und eine schwarze Frau mit vielen Kindern. Trotz all der Melodramatik immer angenehm bleibt die Stimme von Florian David Fitz, der in der deutschen Fassung den Hund spricht.

Tierischen Spaß gibt’s in Gießen (Kinopolis), Marburg (Capitol) und Nidderau (Luxor).

Wie nähert man sich einer Ikone? Vor dieser Frage stand auch der Regisseur Pablo Larraín, als er einen Film über den berühmten chilenischen Dichter Pablo Neruda (1904-1973) drehen wollte. Naheliegend wäre ein biografisches Drama gewesen, das den Einsatz des Literaten für die Kommunisten und seine politische Verfolgung erzählt. Doch Larraín entschied sich anders: In »Neruda« schildert er, wie der Dichter 1948 wegen Kritik an der Regierung Chiles verfolgt wird und nach Europa flieht.

Mit dem Polizisten Óscar Peluchonneau, hervorragend in Film-Noir-Manier gespielt von Gael García Bernal, liefert er sich ein Katz-und-Maus-Spiel. Regisseur Larraín hat diese Flucht mit großartigen Bildern in Szene gesetzt. Ein Road-Trip, der bisweilen wie ein Traum erscheint, in dem sich Realität, Fantasie und Poesie zu einem beeindruckenden Kinoerlebnis vermischen.

Dem chilenischen Regisseur, der zuletzt mit dem Film »Jackie« über die Witwe des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy Erfolge feierte, gelingt ein Kunststück: Er zeigt seinen Landsmann als Helden und politischen Kämpfer, der die Solidarität der einfachen Leute besitzt. Andererseits ist Neruda ein selbstverliebter Genussmensch, der an sich selbst denkt.

Kommentare aus dem Off

Luis Gnecco spielt diesen ungebärdigen Mann, der mit Künstlern wie Pablo Picasso verkehrte: »Ich persönlich glaube, dass Neruda in der Zeit seiner Flucht, in den späten 40er Jahren, wie ein Rockstar war.« Vor allem die Liebe war Nerudas Schwachstelle, nicht umsonst sind seine schwärmerischen Liebesgedichte weltberühmt: »Viele Frauen glauben, er mache Liebe mit einer Rose zwischen den Zähnen«, sagt Polizist Peluchonneau, der das Leben des Dichters aus dem Off kommentiert. Eine geradlinig erzählte Lebensgeschichte wäre Neruda nicht gerecht geworden, ist der Regisseur überzeugt. Der Anspruch des Filmemachers: »Wir wollten einen Roman erzählen, von dem wir gerne hätten, dass Neruda ihn mit Vergnügen liest.«

»Neruda« kann man im Licher Kino Traumstern begegnen.



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