25. Juli 2017, 18:22 Uhr

Zu einer Gesellschaft gehört Diskurs

25. Juli 2017, 18:22 Uhr

In unserer Gesellschaft hat sich ein einschneidender Wertewandel vollzogen. Statt Vermögen und Besitztum stehen Selbstverwirklichung und Kommunikation im Vordergrund. Mit dem Wertewandel von materialistischen zu postmaterialistischen Werten lässt sich auch die Individualisierung sowie die Pluralisierung von sozialen Milieus und Lebensstilen erklären. Soziologie als Wissenschaft untersucht die Gesellschaft in ihrer Doppelnatur als Sozialstruktur und Kultur.

Jede Gesellschaft weist eine Doppelnatur auf: Zum einen existiert sie als objektive Wirklichkeit in Gestalt ihrer Sozialstruktur. Sozialstruktur bezeichnet das innere Gefüge und den Aufbau der Gesellschaft, vor allem die soziodemografischen Merkmale wie Bevölkerung, Wirtschaft (Arbeitsmarkt und Erwerbstätigkeit), Bildung, Familie und Lebensformen, aber auch die sozialökonomische Gliederung nach Klassen und Schichten. Zum anderen existiert sie als subjektiv wahrgenommene, mit Sinn und Bedeutung versehene Realität in Gestalt ihrer Kultur. Kultur umfasst Wissen und Artefakte, Ideen und Ideale, Werte und Normen, aber auch Einstellungen und Meinungen. Zur Gesellschaft gehört stets der Diskurs über die Gesellschaft.

Etliche Umbrüche

Soziologische Begriffe und Theorien sind keineswegs unschuldige und neutrale Instrumente, sondern sie werden von der sozialen Wirklichkeit selbst beeinflusst und prägen diese Wirklichkeit mit. Die Gesellschaftsanalyse bliebe blass ohne solche »Gesellschaftsbilder«, die den empirischen Fakten erst Sinn und Bedeutung verleihen und das Verstehen erleichtern. Begriffe wie Industriegesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft, Informations- und Wissensgesellschaft geben uns eine erste Vorstellung, in welcher Gesellschaft wir leben. Auch die in den 1970er und 1980er Jahren aufkommenden Begriffe Wertewandel, Individualisierung und Erlebnisgesellschaft markieren solche Gesellschaftsbilder, die das Verständnis der sozialen und kulturellen Wirklichkeit in der alten Bundesrepublik geprägt haben.

Die moderne Gesellschaft ging aus drei Revolutionen hervor: der ökonomischen Revolution und der Entstehung des Kapitalismus; der politischen Revolution und der Heraufkunft der Demokratie; der kulturellen Revolution und der Durchsetzung des Individualismus. Alle diese Merkmale – Kapitalismus, Demokratie und Individualismus – charakterisieren moderne (westliche) Gesellschaften. Mit der sozialen Marktwirtschaft kam der Wohlstand, mit der Demokratie wurden aus Untertanen gleichberechtigte Bürger, und mit dem Individualismus wurde eine persönlich gewählte Lebensführung möglich. Allerdings erfolgte dieser Durchbruch zunächst im klassischen Gewand einer industriegesellschaftlich-autoritären Moderne, für die die »Adenauer-Zeit« typisch war. Erst in den 70er Jahren änderte sich das. Dafür stehen die Stichworte Wertewandel, Individualisierung und Erlebnisgesellschaft.

Menschen begehren nach Ansicht des amerikanischen Soziologen Ronald Inglehart (1989) das in ihrer Umwelt, was relativ knapp ist. Die ältere Generation musste in der akuten Mangelsituation unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, so seine Vermutung, zunächst materielle Bedürfnisse befriedigen. Infolgedessen sei sie Anhänger materialistischer Werte. Aber schon ihre Kinder – in den neu gewonnenen Wohlstand hineingeboren – würden verstärkt postmateriellen Werten der Selbstverwirklichung folgen.

Selbstbestimmter Lebensstil

Die Menschen richteten ihr Leben nicht mehr nach tradierten kollektiven Lebensweisen ein, die sie meist von den Eltern übernommen hatten. Vielmehr wurde es eine Frage der selbstbestimmten Wahl oder Kreation des eigenen Lebensstils, welchen Bildungsweg man einschlägt, welche Berufswahl man trifft, ob und wenn ja, wann man eine feste Beziehung eingeht, ob man heiratet oder nicht, ob man Kinder bekommt oder nicht, ob man sich gesellschaftlich und politisch engagiert oder nicht. Mit dieser Typologie lässt sich auch die Stagnation des Wertewandels in den 1990er Jahren und das Wiederanwachsen materialistischer Orientierungen deuten. Drei Entwicklungen haben die öffentlichen Haushalte in Deutschland stark strapaziert: Globalisierung, Europäisierung und die deutsche Wiedervereinigung. 16,5 Millionen Neubundesbürger mussten integriert werden. Aufgrund des Zusammenbruchs der ostdeutschen Industrie und der hohen Arbeitslosigkeit schossen die Transferzahlungen an die neuen Bundesländer in die Höhe. Zudem führte die höhere Weltmarktkonkurrenz zu spürbaren Wohlstandsverlusten in Westdeutschland, nachdem die durch die Vereinigung bewirkte Sonderkonjunktur abgeflaut war.

Die sukzessive Rückkehr der Knappheit bewirkte einen »Wandel des Wertewandels«, der sich angesichts der anhaltenden Finanz- und Wirtschaftskrise sowie der Bedrohungslage durch den Terror in der Welt nicht so bald wieder umkehren dürfte. (Quelle: bpb)

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