Hintergrund

Zieht der Schulz-Effekt noch?

Martin Schulz muss ordentlich zupfen. Die goldgelbe Sprotte, frisch aus dem Holzofen, will ihre Gräten nicht kampflos hergeben. Der Kanzlerkandidat, der am Dienstag beim Besuch der letzten von einst über 30 Fischräuchereien in Eckernförde aus hygienischen Gründen im weißen Plastiksack mit Haube steckt, bringt die Sache erfolgreich zu Ende. Die Kieler Sprotte landet im Mund: »Schmeckt, als hätten Sie sie selbst geräuchert«, sagt er scherzend zu Firmenchef Bernd Kruse.
25. April 2017, 20:30 Uhr
DPA
_1MANHIN5-B_164308_1
Kieler Sprotten und Wahlkampftermine führen den SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz nach Schleswig-Holstein. (Foto: dpa)

Martin Schulz muss ordentlich zupfen. Die goldgelbe Sprotte, frisch aus dem Holzofen, will ihre Gräten nicht kampflos hergeben. Der Kanzlerkandidat, der am Dienstag beim Besuch der letzten von einst über 30 Fischräuchereien in Eckernförde aus hygienischen Gründen im weißen Plastiksack mit Haube steckt, bringt die Sache erfolgreich zu Ende. Die Kieler Sprotte landet im Mund: »Schmeckt, als hätten Sie sie selbst geräuchert«, sagt er scherzend zu Firmenchef Bernd Kruse.

Kruse hält in vierter Generation den über 90 Jahre alten Betrieb mit knapp 20 Mitarbeitern am Laufen. Täglich werden bis zu 30 000 Heringe über dem Rauch aus verbranntem Erlen- und Buchenholz geräuchert und in alle Welt verschickt. Eigentlich müsste die Fischspezialität Eckernförder Sprotte heißen – doch Kiel heimste vor Urzeiten den Namen ein, weil früher die Räuchereien ihre Waren per Pferdefuhrwerk und Bahn nach Kiel brachten, wo die Holzkisten gestempelt wurden. Der SPD-Chef hört aufmerksam zu, später gibt er zu: »Das wusste ich schon.« Neu für Schulz ist, dass der »Brexit« auch Leute wie Kruse beunruhigt. Er bekommt viel Fisch aus britischen Gewässern. Wie geht das weiter nach dem EU-Austritt Großbritanniens? Schulz beruhigt den Fischer: »Die Kunst wird sein, Übergangsfristen zu schaffen.«

Was der frühere EU-Parlamentspräsident nicht weiß ist, wie stark er mit solchen Auftritten wie in Eckernförde die Landtagswahl in Schleswig-Holstein am übernächsten Sonntag beeinflussen kann. Zieht der Schulz-Effekt noch? Hat der Dämpfer im Saarland Spuren beim SPD-Hoffnungsträger hinterlassen? Schulz hält das alles für Schnickschnack. In der SPD verweisen sie darauf, dass die bundesweiten Umfragen stabil bei 30 bis 32 Prozent liegen würden.

Schulz redet im Schneetreiben an der See lieber vom »Albig-Effekt«, auf den die SPD setze. Bei den jüngsten Wahlen in den Ländern konnten am Ende stets die Amtsinhaber davonziehen und siegen – so war es bei Winfried Kretschmann (Grüne/Baden-Württemberg), Erwin Sellering (SPD/Mecklenburg-Vorpommern), Malu Dreyer (SPD/Rheinland-Pfalz) und zuletzt Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU/Saarland).

Stimmung wechselt

In Kiel liegt SPD-Regierungschef Torsten Albig, der gerade in der »Bunten« zur Verwunderung mancher Parteifreunde ausgiebig sein Privatleben präsentierte, in den Umfragen zwar vorne – sein eher unscheinbarer CDU-Herausforderer Daniel Günther holt aber auf. Vor dem einzigen TV-Duell der beiden am Dienstagabend bemüht sich SPD-Landeschef Ralf Stegner, diese Momentaufnahme herunterzudimmen: »Das war in Schleswig-Holstein immer schon so. Man weiß nie, ob aus Stimmungen am Ende auch Stimmen werden.«

Schulz könnte den Rückenwind aus zwei möglichen Wahlerfolgen in Kiel und eine Woche später bei der kleinen Bundestagswahl in seiner Heimat Nordrhein-Westfalen gut gebrauchen. Am Wochenende schreckte eine WDR-Umfrage die Genossen kurzzeitig auf, die plötzlich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPD und CDU an Rhein und Ruhr vorhersagt. Nun gibt es wieder andere Zahlen, die Hannelore Kraft klar in Führung sehen. Schulz gibt nicht viel auf die Demoskopen – er will sich auf seinen Riecher verlassen.

Um SPD-Wähler in beiden Ländern zu mobilisieren, haut der Mann aus Würselen jetzt ordentlich auf die AfD ein. Aufrufe der Rechtspopulisten zu Kirchenaustritten nennt er »abscheulich«, die »Küsten-Koalition« von SPD, Grünen und der Dänen-Partei SSW sei ein leuchtendes Beispiel gegen Nationalismus und für ein offenes Europa. Kampf gegen Rechts, Leidenschaft für ein Europa als Bollwerk gegen Populisten wie Le Pen oder Trump, dazu die soziale Gerechtigkeit – so könnte der Schlachtplan der SPD gegen Angela Merkel im Sommer aussehen.

Zum Abschluss seiner Küstentour schaut Schulz beim Kieler Pumpenhersteller Edur vorbei. Firmenchef Jürgen Holdhof ist stolz darauf, dass seine Pumpen auch in den U-Booten mit Brennstoffzellenantrieb laufen – ein Rüstungsexportschlager aus Kiel. Den Pumpenbauer gibt es seit 90 Jahren, erzählt Holdhof. Dem SPD-Chef gibt er mit auf den Weg, bei der Erbschaftsteuer keine Dummheiten zu machen. Schulz nickt, beim nächsten runden Firmengeburtstag will er zur Stelle sein: »Zum 100. komm’ ich als Kanzler wieder.«

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/ueberregional/mantelredaktion/hintergrund/Hintergrund-Zieht-der-Schulz-Effekt-noch;art476,245584

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung