Hintergrund

Zahnloser Tiger?

Jüngst sagte der einflussreiche deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller, dass die katholische Kirche »im Gegensatz zu anderen Institutionen« bei Kindesmissbrauch wirklich an einer Null-Toleranz-Politik arbeite. Die Worte des Chefs der mächtigen Glaubenskongregation klingen jetzt wie Hohn. Am Mittwoch trat ein Mitglied der Kinderschutzkommission des Vatikans, die Papst Franziskus vor drei Jahren gegründet hatte, zurück. Mit einer Begründung, die es in sich hat.
01. März 2017, 22:11 Uhr
DPA

Jüngst sagte der einflussreiche deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller, dass die katholische Kirche »im Gegensatz zu anderen Institutionen« bei Kindesmissbrauch wirklich an einer Null-Toleranz-Politik arbeite. Die Worte des Chefs der mächtigen Glaubenskongregation klingen jetzt wie Hohn. Am Mittwoch trat ein Mitglied der Kinderschutzkommission des Vatikans, die Papst Franziskus vor drei Jahren gegründet hatte, zurück. Mit einer Begründung, die es in sich hat.

Aus »Frustration« über die mangelnde Kooperation der Behörden der römischen Kurie lege Marie Collins das Amt nieder, teilte das Gremium in einer ungewöhnlich offenen Erklärung mit. Die Irin Collins war selbst als Kind Opfer von sexueller Gewalt katholischer Geistlicher geworden. Und sie war eines von ursprünglich zwei Missbrauchsopfern in der Kommission, die eigentlich Schluss machen sollte mit Vertuschung von Kindesmissbrauch in der Kirche.

Besserwisserisch und tatenlos

Doch der Rücktritt legt nahe, dass es nicht alle im Vatikan mit der Umsetzung ernst meinen. »Die Weigerung einiger in der Kurie, die Empfehlungen der Kommission umzusetzen oder mit ihr zusammenzuarbeiten, ... ist inakzeptabel«, schreibt Collins in einer langen Erklärung auf der Website des »National Catholic Reporter«. »Es ist diese Weigerung, ausgelöst durch interne Politik, Angst vor dem Wandel, besserwisserischen Klerikalismus, oder durch Engstirnigkeit, die Missbrauch als Unbequemlichkeit ansieht.« Es sei »katastrophal«, dass im Jahr 2017 »diese Männer« immer noch ihre eigenen Belange vor das Kindeswohl stellten.

Collins ist mit ihrer Kritik nicht allein. Neben ihr saß das Missbrauchsopfer Peter Saunders in der Kommission. Doch der Brite ist freigestellt worden, weil er sich kritisch über den hochrangigen australischen Kardinal George Pell geäußert hatte, der in seiner Heimat im Zentrum einer Untersuchungskommission um Missbrauch in der Kirche stand. »Ich bin ›beurlaubt‹, weil ich zu offen rede«, sagte Saunders nun.

Zuletzt waren die Vorwürfe, nichts aus den Missbrauchsskandalen gelernt zu haben, wieder lauter geworden. Pädophile Geistliche würden immer noch gedeckt und nicht den zivilen Ermittlungsbehörden überstellt. Franziskus spricht immer wieder von einer »Krankheit«, bei der der Teufel am Werk sei. Nach dem jetzigen Rücktritt scheint seine Kommission aber wie ein zahnloser Tiger. »Die Kirche verdeckt nichts. In einigen Fällen kann es aus Ahnungslosigkeit passiert sein, aber nicht systematisch«, wies Kardinal Müller die Vorwürfe zuletzt zurück. Schließlich ist seine Glaubenskongregation für Missbrauchsfälle zuständig. Wenn ein Bischof oder ein Priester von Missbrauch erfahre, müsse er dem Opfer sagen, Anzeige zu erstatten, und dem Beschuldigen, sich der Polizei zu stellen, fügte Müller hinzu. Aber wird sich ein Beschuldigter wirklich selbst stellen? Daran zweifeln viele.

Die Glaubenskongregation zeichne sich durch Intransparenz aus, monierte zuletzt der italienische Autor Emiliano Fittipaldi, der mit »Wolllust« ein Buch über Missbrauch in der Kirche geschrieben hat. Der Papst rede zwar viel von null Toleranz, doch ändern würde sich wenig.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/ueberregional/mantelredaktion/hintergrund/Hintergrund-Zahnloser-Tiger;art476,218740

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