Hintergrund

»Wir lieben dieses Land«

Das Innenministerium in Berlin soll um die Zuständigkeit für »Heimat« erweitert werden. Warum hat ein Wort, das für viele Leute altbacken klingt, zurzeit wieder Konjunktur?
08. Februar 2018, 22:34 Uhr
DPA
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Heimat, auch eine politische Angelegenheit. Ein altbackener Begriff, der eine Renaissance erlebt. (Foto: dpa)

Deutschland soll mit der neuen großen Koalition ein neues beziehungsweise ergänztes Ministerium bekommen: Der Bundesinnenminister soll dann auch für »Heimat« zuständig sein. Manche denken bei dem Wort nur an Heimatfilm, heile Welt, Kitsch, 50er Jahre – der Spott in sozialen Netzwerken folgte prompt. Vom »Kniefall vor Rechtspopulisten« schrieben einige. Andere denken bei Heimat aber vor allem an Familie, Freundschaft, Kindheit, an Omas Apfelkuchen oder das Bier in der Stammkneipe.

Laut »Duden« ist Heimat »ein Land, Landesteil oder Ort«, in dem man geboren und aufgewachsen ist oder sich zu Hause fühlt. Es sei ein gefühlsbetonter »Ausdruck enger Verbundenheit« gegenüber einer Gegend.

Zwei Bundesländer haben bereits Ministerien mit der Bezeichnung Heimat: in Bayern ist es seit 2014 unter Markus Söder beim Finanzministerium angebunden, in Nordrhein-Westfalen unter Ina Scharrenbach wird das Wort seit 2017 sogar als erstes im Titel geführt: »Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung«.

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier griff das Trendwort am Tag der Deutschen Einheit auf. »Ich bin überzeugt, wer sich nach Heimat sehnt, der ist nicht von gestern«, sagte er. »Im Gegenteil: Je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat.« Das dürfe man nicht den Nationalisten und dem rechten Rand überlassen. Heimat sei ein Ort des »Wir«, ein Ort, der verbinde.

Linke oder sich als links verstehende Leute tun sich oft schwer mit dem Wort: Katrin Göring-Eckardt (Grüne) etwa löste eine Art parteiinternen Mini-Shitstorm aus, weil sie sagte »Wir lieben dieses Land. Es ist unsere Heimat. Diese Heimat spaltet man nicht« und die Pressestelle das auch noch betonte. Göring-Eckardt reagierte mit einem Gastbeitrag in der »taz«: Gegen die »rechte Heimatschutzpropaganda« gelte es, »unbeirrt für ein offenes Verständnis von Heimat zu kämpfen«. Was die Parteilinke aber kaum beruhigte. Auf dem Parteitag im Januar wollte ein Ortsverband gar eine Heimat-Debatte anzetteln und das vermeintlich reaktionäre Wort (es ging um die bayerische Heimat mit Blick auf die Landtagswahl) aus dem Leitantrag des Vorstands werfen lassen. Dazu kam es nicht – weil nämlich die unumstritten linke Claudia Roth aus Bayern ein paar Worte mit den Antragstellern wechselte.

Dass Heimat wieder an Bedeutung gewinnt, hängt nach Ansicht der CSU-Politikerin Marlene Mortler auch mit der hohen Zahl der Zuwanderer zusammen: »Unter anderem führt die weltweite Flüchtlingsproblematik dazu, dass der Begriff Heimat in der letzten Zeit eine Renaissance erlebt«, sagte sie am Dienstag vor rund 300 Landfrauen. »Wir sehen, was andere aufgeben müssen, und haben gleichzeitig Sorge, ein Stück unserer Heimat zu verlieren«, meinte sie beim Landfrauentag in Zirndorf, der das Motto »Heimat« trug. Die Menschen seien in Sorge, dass regionale Besonderheiten und kulturelle Vielfalt verloren gingen.

Kulturwissenschaftler sehen ganz grundsätzlich eine Suche nach Halt angesichts der Globalisierung, aber auch des Wandels der Geschlechterrollen oder des Generationenverhältnisses. Ein Gefühl des Kontrollverlusts führe zu einer Sehnsucht nach Identität.

Den Publizisten Christian Schüle wundert keineswegs, dass die CSU mit Horst Seehofer nun das Heimatministerium in den Koalitionsvertrag gebracht hat. »In Bayern war der Begriff Heimat schon immer wichtig, seit die Wittelsbacher dort zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus verschiedenen Stämmen und Gruppen ein bayerisches Wir-sind-wir-Gefühl formten, das immer wieder mit Festen und Ritualen beschworen wird.« Schüle hat 2017 das Buch »Heimat – Ein Phantomschmerz« veröffentlicht und lehrt an der Berliner Universität der Künste im Fachbereich Kulturwissenschaft. Seine These: »Über Heimat spricht man dann, wenn sie einem verloren geht. Und ich glaube, dass es in den vergangenen Jahren einige Heimatverluste gegeben hat.« Die klare Bipolarität von Ost und West, Kommunismus und Kapitalismus sei weg, durch die Computerisierung und die Globalisierung verschwinde ein bisschen die deutsche Sprache durch immer mehr Englisch.

Verluste schüren Ängste

»Und in den ländlichen Räumen gingen Gasthäuser verloren, Buslinien wurden eingestellt, Clubhäuser, Vereinsräume: Dann entsteht so das Gefühl, selber weniger wert zu sein.« Mit der Aufnahme der Flüchtlinge seien dann gefühlt auf einen Schlag viele Menschen gekommen, die aus Kulturkreisen stammten, die aus Sicht der Kritiker mit dem unsrigen nichts zu tun haben, sagt Schüle. »Und dann fangen die Leute an zu sagen, das sei ungerecht, hier geht mir die Heimat verloren und die Politik tut nichts.« Das seien oft sozialpolitische Ängste, die weniger mit dem Hass auf andere Menschen als vielmehr mit dem Gefühl des Verlusts des Eigenen zu tun hätten.

Und was sagt Horst Seehofer zu seinem neuen Job als Bundesinnenminister, ergänzt um die Bereiche Bauen und Heimat: »Wenn Sie das Netz anschauen, dann meint man jetzt wieder, es geht um Lederhosen und Dirndl«, sagte er gestern. »Das auch – um die Kultur. Aber es geht natürlich um die gleichwertigen Lebensbedingungen in allen Regionen Deutschlands. Es geht um die richtige Dorfentwicklung, die Städteentwicklung, verbunden mit dem Wohnungsbau.«

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