16. Juni 2017, 22:27 Uhr

Weltweit geachteter Staatsmann

Helmut Kohl: Kanzler der deutschen Einheit und Vater des Euro. So lang wie er regierte bislang noch niemand. Als »Birne« verspottet, reifte er nach dem Fall der Mauer zum weltweit geachteten Staatsmann. Doch nach 16 Jahren im Amt wählten ihn die Bürger 1998 ab. Ein Nachruf.
16. Juni 2017, 22:27 Uhr
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Es war Gorbatschows Idee. Spontan lud der sowjetische Staats- und Parteichef seinen Gast aus Deutschland am 15. Juli 1990 in seine Heimatstadt Stawropol im Kaukasus ein. »In der Bergluft sieht man vieles klarer«, meinte er. Doch Helmut Kohl zögerte. Die Verhandlungen zwischen dem Bundeskanzler und dem Kremlchef waren ins Stocken geraten, Kohl drängte darauf, dass ein wiedervereinigtes Deutschland die volle außenpolitische Souveränität haben und selbst entscheiden müsse, welchem Bündnis es angehöre. Gorbatschow blockte. Deutschland als Ganzes könne zwar de jure Mitglied der NATO sein, de facto jedoch dürfe das Gebiet der DDR nicht in deren Wirkungsbereich eingegliedert werden, da sich dort noch sowjetische Truppen aufhielten. Erst nach Ablauf einer Übergangsperiode könne man mit den Verhandlungen über den Abzug der Roten Armee beginnen.

Helmut Kohl erhob sich von seinem Stuhl. Er werde nur in den Kaukasus reisen, machte er seinem Gesprächspartner klar, »wenn am Ende unserer Gespräche die volle Souveränität des vereinten Deutschlands und dessen uneingeschränkte NATO-Mitgliedschaft stehen«. Gorbatschow sagte weder Ja noch Nein, nur: »Wir sollten fliegen.« – »In diesem Augenblick«, so erinnerte sich Kohl später, »wusste ich, dass wir es schaffen würden.«

Und so kam es auch: Im abgelegenen Kaukasus, weit weg von Moskau und dem Kreml-Apparat, kamen sich der konservative Bundeskanzler aus dem Westen und der kommunistische Generalsekretär der KPdSU menschlich und politisch so nahe, dass sie alle Hindernisse auf dem Weg zur Einheit Deutschlands aus dem Weg räumten. Bei einem Spaziergang am Fluss Selemtschuk – Kohl in der schwarzen Strickjacke, Gorbatschow im Pullover – sprachen sie »über Gott und die Welt« (Kohl), ihre Kindheit während des Krieges, die Fußball-Weltmeisterschaft und andere private Dinge. In dieser entspannten und vertrauten Atmosphäre wurde schließlich möglich, was bis dahin unmöglich war. Bei den abschließenden Verhandlungen in der großen Runde stimmte Gorbatschow allen bis dahin heftig umstrittenen Themen zu: volle Souveränität Deutschlands, NATO-Mitgliedschaft, Abzug der sowjetischen Truppen innerhalb von drei bis vier Jahren. Auf dem Rückflug ließ der Bundeskanzler Sekt servieren. Mit den mitreisenden Journalisten stieß er auf den Durchbruch an. Der Einheit Deutschlands stand nichts mehr im Wege.

Nie war Helmut Kohl, der am gestrigen Freitag in seinem Haus in Oggersheim bei Ludwigshafen im Alter von 87 Jahren nach langer schwerer Krankheit gestorben ist, mutiger, tatkräftiger, entschlossener und weitsichtiger als in den 329 Tagen zwischen dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 und der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Innerhalb dieser kurzen Zeit reifte er vom oftmals belächelten und nicht ernst genommenen »Pfälzer«, der als »Birne« verspottet wurde, zum international geachteten und gefeierten Staatsmann. Wie kaum ein anderer erkannte der promovierte Historiker die einmalige Chance, die sich aus den geostrategischen Veränderungen seit dem Amtsantritt Gorbatschows in der Sowjetunion 1985 ergeben hatte, und nutzte das geöffnete Fenster, um die Teilung Berlins, Deutschlands und Europas im Einklang mit allen Nachbarn und allen vier Siegermächten, die nach dem Potsdamer Abkommen von 1945 noch immer für »Deutschland als Ganzes« zuständig waren, zu überwinden.

Wie der von ihm verehrte erste Reichskanzler Otto von Bismarck einte er das Land, aber nicht mit »Blut und Eisen«, sondern mit Vertrauen, Offenheit, guter Nachbarschaft und finanzieller Unterstützung. All dies wäre, bekannte er im Rückblick, ohne Glück nicht möglich gewesen. »Und Fortüne hatte ich gehabt.« 16 Jahre Bundeskanzler (von 1982 bis 1998), 25 Jahre CDU-Chef (von 1973 bis 1998), Kanzler der Einheit, dazu noch Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz (1969 bis 1976) und CDU-Oppositionsführer im Bundestag (1976 bis 1982) – Helmut Kohl hat die Geschichte der CDU wie der Bundesrepublik Deutschland maßgeblich mitgestaltet und geprägt. Geboren am 3. April 1930 in Ludwigshafen, gehörte er schon 1946 zu den Mitbegründern der Jungen Union in seiner Heimatstadt, rasch machte der ehrgeizige und machtbewusste Machtpolitiker in Rheinland-Pfalz Karriere. Kohl profilierte sich als »junger Wilder« und »Rebell«, der in der CDU erfolgreich gegen den »Kanzlerwahlverein« Adenauerscher Prägung und das Regime der autokratisch regierenden alten Männer anging. Nachdem er 1973 den bisherigen CDU-Chef Rainer Barzel abgelöst und die Führung über die Oppositionspartei übernommen hatte, scharte er eine Reihe ebenso ehrgeiziger wie intelligenter Männer wie Heiner Geißler oder Kurt Biedenkopf um sich, öffnete die Partei in der Opposition neuen Strömungen, modernisierte sie grundlegend und machte sie für junge Wähler attraktiv.

Die Bundestagswahl 1976 verlor er trotz des Rekordergebnisses von 48,6 Prozent gegen den SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt, der erneut ein sozialliberales Bündnis schmiedete, 1980 musste er CSU-Chef Franz Josef Strauß den Vortritt lassen, der gleichfalls scheiterte. Doch die Zeit arbeitete für ihn. Als im September 1982 in Bonn die Koalition aus SPD und FDP zerbrach, wurde er mit Unterstützung der Liberalen um Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff in einem konstruktiven Misstrauensvotum zum sechsten Bundeskanzler der Bundesrepublik gewählt. Trotz erheblicher innerparteilicher wie öffentlicher Kritik sollte Kohl länger Regierungschef bleiben als seine Vorgänger, 16 Jahre und somit zwei Jahre länger als sein großes Vorbild Konrad Ade-nauer. In seine Amtszeit fielen unter anderem die umstrittene NATO-Nachrüstung, die seinen Vorgänger Helmut Schmidt von der SPD das Amt gekostet hatte, eine umfassende Steuerreform, die Einführung der Pflegeversicherung und der europäische Einigungsprozess mit der Schaffung des Binnenmarktes wie der Einführung der Gemeinschaftswährung Euro. Für den überzeugten Europäer Kohl gehörten die deutsche Einigung und der europäische Integrationsprozess als die beiden Seiten der gleichen Medaille zusammen. Meisterhaft verstand er es, zu vielen Amtskollegen ein enges persönliches Verhältnis aufzubauen, das so manche politische Krise zu lösen half, so pflegte er eine intensive Freundschaft mit dem Sozialisten François Mitterrand oder US-Präsident George Bush senior, später auch zum russischen Präsidenten Boris Jelzin. Gerne lud er seine Amtskollegen in seine pfälzische Heimat ein, zeigte ihnen den Speyerer Dom und bewirtete sie mit Saumagen und Wein aus der Region – eine Geste, die Vertrauen schuf.

In seiner späten Kanzlerschaft traten dann allerdings die Schwächen eines zunehmend autoritären Führungsstils und seiner zunehmenden Selbstherrlichkeit auf. Die Kosten der deutschen Einheit unterschätzte er, der von ihm als Bundespräsident auserkorene Ostdeutsche Steffen Heitmann musste 1994 seine Kandidatur zugunsten von Roman Herzog zurückziehen, notwendige Reformen blieben aus. Kohl klammerte sich ans Amt, unterließ es, Wolfgang Schäuble als Nachfolger aufzubauen, und verpasste die Chance zu einem Abgang in Ehren.

Private Schicksalsschläge

Bei der Bundestagswahl 1998 wählten ihn die Bundesbürger ab. Ein Jahr später stürzte die Parteispendenaffäre die CDU in die schwerste Krise ihrer Geschichte. Bis zuletzt weigerte Kohl sich, die Namen derer zu nennen, die ihm rund 2,1 Millionen D-Mark in bar gegeben hatten und die in keinem Rechenschaftsbericht auftauchten.

Auch private Schicksalsschläge blieben dem weltweit geachteten Staatsmann und »Ehrenbürger Europas« nicht erspart. Im Juli 2001 nahm sich seine Frau Hannelore, mit der er seit 1960 verheiratet war und zwei Söhne hatte, das Leben. Seine beiden Söhne brachen mit ihm. Und er selber war nach einem Sturz in seiner Wohnung im Jahr 2008, bei dem er sich schwere Kopfverletzungen zuzog, an den Rollstuhl gefesselt und konnte kaum mehr reden. Zuletzt fand Kohl ein neues privates Glück an der Seite der 30 Jahre jüngeren Maike Richter.

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