17. März 2017, 22:03 Uhr

Vermeintliche Gemeinsamkeiten

17. März 2017, 22:03 Uhr
Schwieriges Verhältnis: Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Donald Trump sind bei ihrem ersten Treffen um Freundlichkeiten bemüht. (Foto: dpa)

Es ist dann vielleicht die Antwort auf diese eine Frage, die hängen bleiben wird von diesem Besuch. Vielleicht, sagt Donald Trump etwas schief lächelnd zu Angela Merkel, habe man ja doch etwas gemeinsam. Werte? Hehrer Glauben an den Westen? Lichter Optimismus? Leider nein, mag die Kanzlerin sich denken, als sie dem US-Präsidenten zuhört – meint der doch nichts anderes, als von Barack Obama abgehört worden zu sein. Das sitzt. Gemeinsamkeiten, vermeintliche, die kein Mensch braucht. Dabei war der Tag bisher einigermaßen unfallfrei verlaufen. Wenn auch eher kühl.

Trump war bei der gemeinsamen Pressekonferenz im Weißen Haus zu seinen unbewiesenen und haltlosen Anwürfen an die Adresse seines Vorgängers gefragt worden, ob der ihn 2016 tatsächlich habe abhören lassen. Trump bleibt schlicht dabei, in dem er diese saftige Pointe setzt. Merkel wird sich nicht gern an die NSA-Affäre erinnern, in der der amerikanische Geheimdienst unter Barack Obama auch ihr Handy abhören ließ.

Kanzlerin und Präsident sind um Freundlichkeit bemüht. Allerdings war zumindest bei Trump mehr starkes Bemühen zu spüren als echte Freundlichkeit. Für ihn läuft es politisch nicht rund dieser Tage. Sein Einreisestopp zum zweiten Mal gerichtlich angehalten, dazu die internationale Dimension seiner unbelegten Abhörvorwürfe, maueste Zustimmungswerte außerhalb seiner Kernanhängerschaft, die Mühen der tagespolitischen Ebene: Ließ all das sein Lächeln so dünn wirken?

Porzellan als Gastgeschenk

Beim Fototermin im Oval Office wirkt der Präsident streng. Schlecht gelaunt, irgendwie. Hält er seine Hände wie eine Raute? Sogar die Kanzlerin selbst fragt ihn leise, ob es denn nicht noch einen »Handshake« für die Fotografen geben solle, wie die es wünschen? Trump, sonst um keine Fotogelegenheit verlegen, ignoriert sie schlicht, schaut gestreng geradeaus. Der Mund verkniffen. Ein Mann voller Trotz. Neben ihm lächelt die Kanzlerin etwas eigenartig.

Meißener Porzellan sollte er als Gastgeschenk überreicht bekommen, für die Pressekonferenz hat ihn das jedenfalls nicht erweicht. Er ist deutlich abweisender als zuletzt, strenger, härter. Über seinen Gast äußert er sich respektvoll, erinnert aber auch daran, warum er Präsident geworden sei: Amerika zu alten Werten zurückführen, beim Handel »wieder gewinnen«, gegen wen auch immer, und das Militär ausbauen, auch wenn man das hoffentlich nie einsetzen müsse.

Es sind deutsche Reporter, die dem amerikanischen Präsidenten auf den Zahn fühlen. Ihre direkten, offenen Fragen werden hundertfach in den sozialen Netzwerken weiterverbreitet, sind Thema in anschließenden Diskussionsrunden bei CNN. Längst ist es kein Usus mehr, dass im Weißen Haus auf harte, unbequeme Fragen offene, sachliche Antworten kommen. Trump quält diese Offenheit sichtlich. Es fehlt nur noch, dass er laut seufzt.

Extrem dicht gedrängt war das Programm, sollte es doch nicht nur um das deutsch-amerikanische Verhältnis gehen. Gemessen an der langen Liste der schwierigen Themen von Syrien über Russland, Ukraine, Libyen, dem Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat bis zum Freihandel und Trumps wirtschaftlichen Abschottungsversuchen war die Zeit für den Besuch kurz bemessen. Dem Vieraugengespräch folgten 45 Minuten mit Vize Mike Pence und Beratern. Sodann eine weitere Dreiviertelstunde mit den deutschen Vorstandsvorsitzenden von Siemens, BMW und Schaeffler sowie den US-Chefs von IBM, Dow Chemical und Salesforce, nebst einigen Auszubildenden. Eine etwas nervöse Ivanka Trump an der Seite der Kanzlerin.

Lob für Deutschland

Für Trump muss diese Runde ein Highlight gewesen sein, er ist des Lobes voll über Deutschland und dessen Ausbildungssystem, über die Lehrlinge, tolles Land. Das politische Speed-Dating verzögert den Auftritt vor den Medien um fast eine Stunde. Die Zeiten sind bewegt. Merkel und Trump wollten ein Gefühl dafür bekommen, wie sie am besten miteinander umgehen. Hier der Geschäftsmann, der das sogenannte Establishment verteufelt und dem Volk angeblich die Macht zurückgeben will. Dort die Naturwissenschaftlerin, die in Deutschland seit 2005 regiert und zu genau der politischen Klasse zählt, von der Trump nicht viel hält. Hier der neue Präsident, der gern per Dekret regiert, eine Mauer bauen will und Abkommen über den Haufen wirft. Dort die Kanzlerin, hinter einer Mauer groß geworden, für die einmal geschlossene Verträge verbindlich sind.

Der Freitag wirkt, als wüssten sie nun etwas besser, woran sie miteinander sind, und man wird sehen, ob das eine gute Nachricht ist. Trump, der Verhandlungsfuchs, ließ sich nicht in die Karten schauen. Und die Kanzlerin ist den Umgang mit anstrengenden Männern auf der Weltbühne viel zu sehr gewöhnt, um sich von dem Polterer am Potomac ins Bockshorn jagen zu lassen. Unter dem Strich dürfte das Treffen als »ordentlich« eingestuft werden, es hätte – bis auf dieses Abhörzitat – auch deutlich schlimmer kommen können. Der gegenseitigen Höflichkeitsbekundungen waren viele, man dankte sich und erkannte sich an, sehr viel mehr aber auch nicht. Hier haben sich zwei beschnuppert, die nach Möglichkeit miteinander auskommen müssen, irgendwie. Begeisterung sieht anders aus.

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