21. März 2017, 22:10 Uhr

Tod eines Recken

Terrorist und Friedensstifter

21. März 2017, 22:10 Uhr
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Von Jochen Wittmann
McGuinness

Einer der umstrittensten Politiker Großbritanniens ist tot. Martin McGuinness, der ehemalige Vizeministerpräsident von Nordirland und frühere Kommandant der Untergrundorganisation IRA, ist gestern im Alter von nur 66 Jahren gestorben. McGuinness erlag einer seltenen Erbkrankheit, die seine inneren Organe angegriffen und sein Herz geschwächt hatte. Im Januar war er aus Protest gegen das Verhalten von Arlene Foster, der Ministerpräsidentin Nordirlands, von seinem Posten als ihr Stellvertreter zurückgetreten. Am darauffolgenden Wahlkampf nahm McGuinness aus Gesundheitsgründen nicht mehr teil. Sein Tod wurde mit großer Bestürzung aufgenommen.

Politiker mit Profil

McGuinness vereinte zwei Extreme: Er war Terrorist und Friedensstifter in einer Person. Der gelernte Metzger trat der IRA im Alter von 20 Jahren bei und stieg schnell auf. In seiner Heimatstadt Derry war McGuinness die Nummer Zwei, als es zum sogenannten Blutsonntag kam. Am 30. Januar 1972 eröffneten britische Truppen das Feuer auf Zivilisten und richteten ein Massaker an. Es war der Beginn des Bürgerkriegs in Nordirland. Hunderte von jungen Katholiken entschieden noch in der Nacht, dass ziviler Widerstand zwecklos sei und schlossen sich dem bewaffneten Kampf an.

Die bis dahin relativ harmlose IRA, nicht viel mehr als ein Altmänner-Verein, entwickelte sich schnell zu einer der gefährlichsten Terrororganisationen der Welt. Und Martin McGuinness wurde zu einem ihrer schlagkräftigsten Führer.

In den 1980er Jahren wandte er sich der Politik zu. Er profilierte sich bald als eine führende Figur innerhalb der Sinn-Fein-Partei, dem politischen Flügel der IRA. An der Seite von Sinn-Fein-Präsident Gerry Adams begann er in den 1990er Jahren den nordirischen Friedensprozess, der 1998 mit dem Abschluss des Karfreitagsabkommen dem Bürgerkrieg ein Ende setzte. McGuinness hatte eine zentrale Rolle dabei gespielt, die Mitglieder der IRA davon zu überzeugen, dass der bewaffnete Kampf vorbei sei und das Ziel des Endes der britischen Herrschaft und eines vereinten Irlands am besten mit politischen Mitteln zu erreichen wäre.

Die »Kicherbrüder«

Der Mann, der einst als Großbritanniens »Terrorist Nummer eins« galt, wurde am 8. Mai 2007 zum stellvertretenden Ministerpräsidenten von Nordirland. Er teilte sich die Macht zusammen mit Ian Paisley, dem Chef der britischtreuen DUP. Es war ein ungleiches Paar: Hier der protestantische Scharfmacher, dort der ehemalige IRA-Stabschef. Doch Paisley wie McGuinness bewiesen, dass sie sich gewandelt hatten. Die Machtteilung wurde ein Erfolg. Man verstand sich so gut, dass die beiden den Spitznamen »die Kicherbrüder« bekamen, weil sie so gerne in der Öffentlichkeit zusammen lachten.

Als McGuinness vor fünf Jahren bei einem Besuch der Queen in Nordirland ihre Hand schüttelte, war der Symbolgehalt der Szene gar nicht zu unterschätzen. Der Händedruck bedeutete: Der Friedensprozess ist unumkehrbar. Der bewaffnete Kampf ist ein für allemal vorbei. Er bedeutete auch: Sinn Fein, und damit der irische Republikanismus, erkennen an, dass Nordirland Teil der britischen Krone bleibt. Das Ziel eines geeinten und unabhängigen Irlands, für das Hunderte von IRA-Aktivisten starben und für das sie noch mehr Menschen ermordeten, ist weit in die Zukunft gerückt. Martin McGuinness ist zu verdanken, dass nicht die Gewalt, sondern die Aussöhnung gesiegt hat. Jochen Wittmann



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