26. Mai 2017, 21:13 Uhr

Spion, Held oder Verbrecher?

26. Mai 2017, 21:13 Uhr

Halb mit Bewunderung, und doch noch immer mit einem Kopfschütteln. Auch 30 Jahre nach der spektakulären Landung des Deutschen Mathias Rust in der Nähe des Roten Platzes in Moskau, staunen die Menschen immer noch: Wie schaffte der Teenager diesen Flug, ganz alleine, einmal über den Eisernen Vorhang hinweg, Hunderte Kilometer ins Herz der Sowjetunion hinein?

Den Bildern sieht man ihre Tragweite nicht an: Ein einmotoriges Kleinflugzeug landet am 28. Mai 1987 gemächlich gegen 18 Uhr in der Moskauer Innenstadt, nur ein paar Meter vom Kreml entfernt. Die Menschen schauen fasziniert, etwas ungläubig. Dann steigt der schlaksige 18-Jährige aus der Cessna, plaudert mit Passanten und wird erst nach zwei Stunden vom sowjetischen Geheimdienst mitgenommen. Dass er gerade eine Staatskrise ausgelöst hat, scheint Rust nicht zu kümmern. »Wenn ich gewusst hätte, was sich daraus entwickelt – ich würde es nicht noch mal wagen«, sagt er vor ein paar Jahren.

Eine Weltsensation

Bis heute ranken sich Mythen und Spekulationen um den Flug. Die russische Wochenzeitung »Argumenty i Fakty« schreibt, dass mit der Aktion der Parteikader geschwächt werden sollte. Andere sind sich sicher, dass der Deutsche als Spion eingesetzt wurde. Rust selbst bezeichnete seinen Ausflug in der Öffentlichkeit als Friedensmission, er wollte eine imaginäre Brücke zwischen Ost und West schlagen.

Fakt ist: Die Reise von Mathias Rust war in Zeiten des Kalten Krieges eine Weltsensation. Denn mit derart einfachen Mitteln ist es noch niemanden zuvor gelungen, die scheinbar unüberwindbare Luftabwehr der Sowjetarmee zu unterfliegen. Rusts Route ist kompliziert: Nahe Hamburg fliegt er los, zunächst über die Shetland-Inseln nach Island und Norwegen und schließlich über Finnland in die Sowjetunion. Dort folgt er mit seinem Kleinflugzeug rund 700 Kilometer den Eisenbahnschienen in Richtung Hauptstadt – ohne von sowjetischen Abfangjägern abgeschossen zu werden.

Dank einer unglaublichen Kette von Pannen beim Militär kann Rust seine rund fünf Stunden lange Etappe problemlos fortsetzen: In Estland wird die Cessna erst mit Verspätung gemeldet. Die Beamten entscheiden, ihn einfach weiterfliegen zu lassen. Dann wird das Kleinflugzeug zwischenzeitlich für ein Wetterphänomen gehalten. Zudem ist kurz zuvor ein Militärflugzeug auf der Strecke abgestürzt, die Einsatzkräfte sind noch mit den Aufräumarbeiten beschäftigt.

»Natürlich hat er die sowjetische Armee und den Staat in eine lächerliche Lage gebracht«, sagt der Schriftsteller Wladimir Kaminer (»Russendisko«). Kaminer leistet genau zu diesem Zeitpunkt seinen Wehrdienst bei der sowjetischen Raketenabwehr. Als Funker erlebt der heutige Wahl-Berliner den Flug hautnah mit, als Rust durch alle Verteidigungsringe bis nach Moskau vordringt. Für Kaminer und für viele Russen ist Rust noch immer ein Held.

Parteichef Michail Gorbatschow, der ausgerechnet in jenen Stunden den Kollegen des Warschauer Pakts in Ost-Berlin seinen Reformkurs verkündet, nutzt die Situation, um sich der Hardliner in der Armee und Gegner seiner Perestroika-Reformen zu entledigen. Als Konsequenz der Blamage verlieren mehrere Hundert Militärs ihren Job, unter anderem auch der Verteidigungsminister Sergej Sokolow. Eine ähnliche »Säuberung« des Militärs habe es nur unter Diktator Josef Stalin in den 1930er Jahren gegeben, schreibt die »Argumenty i Fakty«.

Doch auch für Rust nimmt der Ausflug zunächst kein gutes Ende, der Kreml kennt für den Hobby-Piloten kein Pardon: Wegen illegalen Grenzübertritts und Rowdytums wird er zu vier Jahren Arbeitslager verurteilt. Er verbringt jedoch seine Zeit in einem Gefängnis in Moskau und wird bereits im Sommer 1988 begnadigt.

Historiker bezeichnen Rusts spektakulären Flug als Fußnote in der Geschichte, die einmotorige Cessna hat hingegen einen Platz im Museum bekommen: Seit einigen Jahren ist sie im Deutschen Technikmuseum in Berlin ausgestellt.

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