18. Oktober 2017, 22:01 Uhr

Türkischer Autor

Schreiben als Befreiung

18. Oktober 2017, 22:01 Uhr

Selbst im fernen Spanien war Doghan Akhanli nicht vor der türkischen Justiz sicher. Aber der Schriftsteller hat den Schrecken über seine Festnahme in produktive Energie verwandelt und kehrt mit einem guten Gefühl nach Köln zurück. »Ich hatte das Ziel: Bevor ich abreise, will ich mein Buch beenden«, sagt der 60-jährige Schriftsteller vor seinem Heimflug in Madrid. »Nun bin ich nicht mehr Objekt einer Verfolgung, sondern schreibe darüber, kann wieder handeln.« Erstmals habe er in dieser Novelle seine persönlichen Erfahrungen zum Thema gemacht, stellvertretend auch für andere, die in ähnlicher Weise mit staatlicher Verfolgung konfrontiert seien.

Eigentlich wollte Akhanli nur eine Woche lang durch Andalusien reisen, in Begleitung seiner Partnerin Perihan. In Granada besuchte er am 18. August das Museum des spanischen Lyrikers Federico García Lorca, der zu Beginn des spanischen Bürgerkriegs erschossen worden war. »Bis vier Uhr früh habe ich mich mit Lorca beschäftigt. Vier Stunden später war die Polizei da.« Die Beamten brachten Akhanli in ein Gefängnis in Granada. Grund war ein Interpol-Ersuchen im Auftrag der Türkei. Die Justiz dort wirft ihm vor, 1989 an einem Raubmord in Istanbul beteiligt gewesen zu sein. Ein Freispruch wurde nach Angaben türkischer Medien 2013 aufgehoben.

Trauma neu erlebt

Nach einer Nacht in der Einzelzelle sei er am nächsten Morgen in Handschellen mit einem Polizeiwagen nach Madrid gefahren worden, erzählt der Schriftsteller im Gespräch mit der dpa. »Mein Zeitgefühl war weg, ich habe nicht mehr geschlafen, ich war seelisch erschöpft.«

In der für Akhanli völlig überraschenden Festnahme erlebte er nach eigenen Worten seine traumatische Inhaftierung im August 2010 in Istanbul noch einmal neu. Damals war er nach über 20 Jahren erstmals wieder in die Türkei gekommen, um seinen Vater noch einmal zu sehen – der dann während der vier Monate dauernden Haft starb. Auch damals wollte er schon über diese Erfahrung schreiben, »aber Wut und Verzweiflung sind keine guten Voraussetzungen, um ein Buch zu schreiben«.

Nach der Freilassung in Madrid kam ein Anruf von der Alhambra – die Besichtigung der Burg von Granada war für den 21. August gebucht. »Sie haben gefragt, wo wir denn bleiben«, erzählt Akhanlis Gefährtin Perihan. »Wir haben laut gelacht und waren so erleichtert.«

Unterstützung durch Verlag

Akhanli sagt, er habe in diesen Wochen lauter »Zeitkrümmungen« erfahren, »meine persönliche Biografie, meine reale wie fiktionale Geschichte von Gewalterfahrung, war in dieser Zelle kristallisiert«. Dann aber habe ihm das Schreiben geholfen – und der Wunsch des Kölner Verlags Kiepenheuer & Witsch, bis Ende Oktober ein Manuskript abzugeben. Im gleichen Verlag wie Heinrich Böll und Gabriel García Márquez zu erscheinen, das habe ihn sehr gefreut.

Die ersten Kapitel schrieb Akhanli auf Deutsch. Dann sei er ins Türkische gewechselt, »weil meine Gefühlssprache nicht meine Schreibsprache ist«. Die nahezu zeitgleiche Übersetzung habe Hülya Engin übernommen.

Für Akhanli steht das neue Buch mit dem Titel »Verhaftung in Granada oder Treibt die Türkei in die Diktatur?« in enger Verbindung mit seinem 2005 bislang nur auf Türkisch erschienenen Roman »Madonna’nin Son Hayali« (Der letzte Traum der Madonna) – darin geht es um die Erinnerung an ein 1942 im Schwarzen Meer versenktes Schiff mit jüdischen Flüchtlingen. Angesichts von staatlicher Verfolgung bleibe dem damit konfrontierten Menschen oft nur das Schreiben und die Ironie, sagt Akhanli und fügt hinzu: »Ich habe das Gefühl, dass ich diesmal gewonnen habe.«

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