21. August 2017, 21:01 Uhr

Prototyp für rechte Gewalt

21. August 2017, 21:01 Uhr
Heute ein anderer Ort und Mittelpunkt im Stadtteil: Das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, das im August 1992 Schauplatz ausländerfeindlicher Krawalle war. (Foto: dpa)

Jochen Schmidt wird diese Bilder wohl nie vergessen. »Wenn über einem nur noch eine Spannbetondecke ist und man von unten Schreie hört, Feuerschein sieht und Qualm riecht, es nicht links und nicht rechts geht, dann verlierst du irgendwann den Mut.« Schmidt hielt sich am 24. August 1992 als Hospitant eines ZDF-Kamerateams in Rostock auf – genauer gesagt im Ortsteil Lichtenhagen, im Sonnenblumenhaus, so genannt wegen eines Fassadenbildes. Vor dem Wohnblock kommt es zu den bis dahin schwersten ausländerfeindlichen Krawallen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie wurden zum Symbol rassistisch motivierter Gewalt.

Nazis aus ganz Deutschland

»Und dann hat da oben eigentlich jeder still für sich mit dem Leben abgeschlossen«, erinnert sich Schmidt. Mit rund 150 ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeitern, die in dem Haus wohnten, und Kollegen rettete er sich bis in den elften Stock und dann aufs Dach. Unten griffen Anwohner und Neonazis das Wohnheim für vietnamesische Arbeiter an und setzten einige Wohnungen in Brand.

Im Nachbaraufgang befand sich damals die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber von Mecklenburg-Vorpommern. Wochenlang war sie völlig überfüllt. Alle Asylsuchenden mussten zur Registrierung durch dieses Nadelöhr, bevor sie auf Unterkünfte im ganzen Bundesland verteilt wurden. Viele kampierten vor dem mitten im Wohngebiet gelegenen Haus – ohne Toiletten und Verpflegung. Manche verrichteten dort ihre Notdurft. In den Geschäften nahmen Diebstähle rapide zu. Es gab Warnungen und Proteste in der Bevölkerung. Doch die Verantwortlichen reagierten nicht.

Ab dem 22. August vor 25 Jahren eskalierte die angespannte Situation. Jugendliche und Anwohner versammelten sich, warfen Steine und Brandsätze auf das Haus und die Polizei. »In den Anfängen waren es die Einwohner vor Ort, die Jugendlichen, die komplett perspektivlos waren«, sagt der SPD-Landtagsabgeordnete und Vorsitzender des Ortsbeirats, Ralf Mucha. »Dass darunter auch Rassisten aus der Rostocker Szene waren, ist mir bewusst.« Später kamen Neonazis aus ganz Deutschland hinzu. Die Polizei wurde der Lage nicht Herr. Am 24. August entschieden die Behörden nach langem Zögern, die Aufnahmestelle zu räumen. Von da an richtete sich die Gewalt der Neonazis und der Tausenden Schaulustigen endgültig gegen die im Nachbaraufgang lebenden Vietnamesen. Mehrere Wohnungen wurden angezündet.

Der damalige Ausländerbeauftragte Rostocks, Wolfgang Richter, hielt sich mehrere Tage lang im Haus auf. Er erinnert sich an viele Gespräche mit Anwohnern, die auch gesagt hätten: »Aber die Vietnamesen meinen wir nicht! Mit denen leben wir seit zehn Jahren hier. Das hat ihnen aber nichts genützt. Weil diese fremdenfeindliche Gewalt, einmal ausgebrochen, keine Unterschiede gemacht hat.« Schmidt sagt: »Rostock ist so etwas wie ein Prototyp für rechte Gewalt. Und dafür, wie leicht Agitatoren es schaffen, Massen zu bewegen.«

Die Wiese vor dem Haus, auf der sich die Szenen abspielten, gibt es nicht mehr. Seit Jahren ist die Fläche vor dem elfstöckigen Hochhaus bebaut – mit einem Dienstleistungszentrum, einem Heimwerkermarkt und einem Parkplatz. Sie ist zum Mittelpunkt des Stadtteils geworden. Dort gibt es Einkaufsmöglichkeiten, Imbisse und Arztpraxen. »Ich wehre mich dagegen zu sagen, Lichtenhagen ist ein Brennpunktstadtteil«, sagt der SPD-Mann Mucha. Lichtenhagen, das heiße heute: 14 000 Einwohner, 5,7 Prozent Ausländer und eine Arbeitslosenquote leicht unter dem Rostocker Durchschnitt. »Es ist ein bunt gemischter Stadtteil«, stellt Mucha klar, in dem Unternehmer ebenso wie »bildungsferne Familien« wohnten. Die Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge sei akzeptiert.

Stelen zur Erinnerung

In der Gedenkwoche werden an verschiedenen Plätzen des Stadtteils thematische Stelen eingeweiht: am Sonnenblumenhaus, dem Rathaus, der »Ostsee-Zeitung«, an der Polizeiinspektion und dem linken »Jugendalternativzentrum«. So soll der Rolle von Medien, Politik und Polizei ebenso wie der der linken Protestierer in der Erinnerung Rechnung getragen werden.

Rostock sei »ein bemerkenswertes Beispiel dafür, dass wir aus der Geschichte, auch aus der jüngsten Zeitgeschichte, lernen können«, sagte der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, in diesen Tagen. »Das verdient Anerkennung und Respekt.«

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