21. August 2017, 21:01 Uhr

Plötzlich getrennte Wege

Vor genau 25 Jahren wird im Garten einer Villa in Brünn die Teilung der Tschechoslowakei beschlossen. Die Ex-Partner sind sich bis heute nahe. Doch die kleinen Tschechen brauchen heutzutage schon ein Bildwörterbuch, um die Sprache der Slowaken zu verstehen.
21. August 2017, 21:01 Uhr
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Von DPA
Euphorisch in die Zukunft: Junge Leute mit der tschechischen Flagge, die vor dem Wenzels-Denkmal in Prag 1992 die Staatsgründung der Tschechischen Republik feiern. (Foto: dpa)

Um dieses historische Treffen ranken sich bis heute Legenden. Sicher ist nur eins: Am Ende stand die Teilung der Tschechoslowakei. Die Ministerpräsidenten der tschechischen und slowakischen Teilrepubliken, Vaclav Klaus und Vladimir Meciar, diskutieren am 26. August 1992 im Garten der Villa Tugendhat in Brünn (Brno) stundenlang unter einer Platane. Die Sakkos sind abgelegt, die Mienen ernst, die Delegationen fortgeschickt. Kurz vor Mitternacht dann die entscheidende Ankündigung: »Der aktuelle Zustand lässt sich nicht aufrechterhalten«, sagt Meciar den gespannt abseits wartenden Journalisten. Erstmals wird ein Fahrplan für die Teilung der Tschechoslowakei aufgestellt: Zum 1. Januar 1993 werden zwei Staaten entstehen.

Bürger wurden nicht gefragt

Auf der einen Seite der Neoliberale Klaus, dem die Wirtschaftsreformen mit dem östlichen Bruder nicht schnell genug vorangingen, auf der anderen Seite der slowakische Populist Meciar. Die Bürger konnten nicht mitbestimmen. Sie sprachen sich in Umfragen mehrheitlich für den Erhalt der Föderation aus. Dabei hatte die damals gültige Verfassung eine Trennung ohne vorheriges Referendum ausdrücklich ausgeschlossen, wie der slowakische Ökonom Vladimir Vano sagt. Klaus bewirbt die friedliche Teilung der Tschechoslowakei heute als Vorbild für den Brexit. Der 76-Jährige bietet sich sogar als Unterhändler zwischen Großbritannien und der Europäischen Union an: »Ich würde diese Rolle freiwillig übernehmen, wenn man sie mir anvertraut – ich kann das organisieren.«

Auf slowakischer Seite betont man besonders das wirtschaftliche Aufholen des seit jeher rückständigeren Landesteils seit dessen Unabhängigkeit. So rechnet Sberbank-Analyst Vano vor: »Noch 1995 kam die Slowakei nach Angaben von Eurostat nur auf 48 Prozent des EU-Durchschnitts (BIP pro Kopf in Kaufkraftparität), Tschechien erreichte schon damals 76 Prozent. Bis 2016 holte die Slowakei bereits auf 77 Prozent auf, Tschechien war mit 88 Prozent des EU-Durchschnitts nur noch um elf Prozentpunkte besser.«

Auseinandergelebt

Umfragen ergeben immer wieder: Die Slowaken sind für die Tschechen die engsten Nachbarn – und umgekehrt. Doch in 25 Jahren hat man sich auseinandergelebt. Kinder haben Schwierigkeiten mit der jeweils anderen Sprache. Die Illustratorin Maria Neradova steuert mit einem Bildwörterbuch für die Kleinsten gegen. Der Titel ist ein Wortspiel: Wie der »velbloud« – das Kamel auf Tschechisch – eine »tava« – das Kamel auf Slowakisch – getroffen hat. »Viele Menschen aus gemischten tschechisch-slowakischen Ehen haben mir geschrieben, dass sie genauso ein Buch für ihre Kinder gebraucht haben«, sagt die junge Autorin. Da sie selbst aus einer solchen Familie stamme, habe sie das besonders gefreut. Studiert hat sie im tschechischen Zlin und im slowakischen Bratislava.

Sprachhürde für Kinder

»Man darf den Kindern nicht die Schuld geben«, sagt Neradova. Anders als noch im gemeinsamen Staat sehe der tschechische Nachwuchs im Fernsehen keine Kinderprogramme mehr auf Slowakisch. »In Prag ist es mir passiert, dass ein Mädchen nicht einmal mehr die Frage ›Wie heißt du?‹ in der anderen Sprache verstanden hat – nach Lachen war mir da eigentlich nicht zumute«, sagt sie.



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