07. April 2017, 22:39 Uhr

Panik, Chaos und Tote auf dem Asphalt

07. April 2017, 22:39 Uhr
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Aus der Redaktion
Tränen und Trauer in Stockholm nach dem Anschlag. (Foto: dpa)

»Lauft, lauft!« ruft die Polizei den Menschen auf der Einkaufsmeile Drottninggatan zu. Die Straße mitten im Herzen Stockholms ist am Freitagnachmittag voll von Hauptstädtern, die noch schnell Wochenendeinkäufe erledigen, und Touristen, die einfach bummeln wollen. Um kurz vor 15 Uhr rast ein Lastwagen in die Menge und von dort in das Kaufhaus Åhléns. »Es gab meterhohe Flammen und schwarzen Rauch«, schreibt eine entsetzte Schwedin bei Twitter.

Kurz darauf zeigen Fernsehbilder, wie Menschen panisch aus dem Shopping-Center und von der Straße flüchten. »Es war fürchterlich. Unmengen von Blut auf der Straße, Menschen lagen überall«, sagt ein Augenzeuge dem schwedischen Fernsehen. »Viele um mich herum waren hysterisch«, erzählt eine Frau mit Tränen in den Augen.

Am Abend gibt die Polizei die vorläufigen Opferzahlen bekannt: Vier Tote und 15 Verletzte. »Wäre ich eine Minute später dort hingekommen, wäre ich umgefahren worden. Ich habe Menschen gesehen, die gestorben sind«, sagt die Schwedin Sandra Japundzic Lindquist dem Radiosender Ekot. Rettungskräfte legen Decken auf leblose Körper. Eine junge Frau habe einfach nur dagestanden, den Arm schützend um ihr Baby gelegt, und wie erstarrt gewirkt, berichtet ein völlig aufgelöster Schwede. Die Bilder, sind sich Augenzeugen sicher, werden sie nie wieder vergessen.

Die Angst verfolgt Stockholm auch Stunden nach der Tat weiter. Der Täter konnte flüchten. Am Abend bestätigte die Polizei auf einer Pressekonferenz die Festnahme eines Mannes. Er stimme mit Beschreibungen einer Person überein, die sich in der Nähe des Tatorts aufgehalten haben soll, sagte ein Sprecher. Ob es sich aber um den Täter handelt, war zunächst unklar. Der Festgenommene habe sich in einem Laden auffällig verhalten. Deshalb sei eine Polizeistreife auf ihn aufmerksam geworden und habe ihn festgenommen.

Der Täter soll den Lkw einer Brauerei unmittelbar vor dem Attentat gekapert haben. Das erinnert an den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt. In Stockholm hatte der Fahrer gerade ein Restaurant in der Einkaufsstraße beliefern wollen, als eine Person in die Fahrerkabine gesprungen und weggefahren sei. So erzählt es ein Brauereisprecher. Der Lkw-Fahrer wollte den Täter demnach noch stoppen, wurde dabei aber selbst angefahren.

Die Polizei warnt am Freitag: Stockholms Innenstadt ist kein sicherer Ort. Die meisten zentralen Straßen werden gesperrt, U-Bahnen, S-Bahnen und Busse stellen den Betrieb komplett ein. Am Hauptbahnhof springen Menschen hastig in einen Zug, dann bewegt sich stundenlang nichts mehr. Tausende müssen zu Fuß nach Hause gehen. Kinos und Theater sagen alle Vorstellungen für den Abend ab.

Kunden und Verkäufer eines Modegeschäfts neben dem Kaufhaus müssen in dem Laden ausharren, solange niemand weiß, wo sich der Täter aufhält. Auch den Reichstag darf niemand verlassen. »Es gibt gerade so viele Gerüchte. Wir arbeiten hart daran, herauszufinden, was passiert ist«, sagt eine Sprecherin der Sicherheitspolizei. Am Abend beginnt die Polizei langsam damit, die Menschen aus den Geschäften zu begleiten. Eltern holen ihre verschreckten Kinder ab.

Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven spricht früh von Terror. Auch Schwedens König Carl XVI. Gustaf ist geschockt. Seine Familie habe die Nachricht mit Bestürzung aufgenommen, schreibt das Königshaus kurz nach der Tat.

In anderen europäischen Metropolen sprechen Regierungschefs und Bürgermeister den Schweden ihr tiefes Mitgefühl aus. Zu genau wissen sie, wie es ist, wenn die eigene Hauptstadt Opfer eines Anschlags wird. Nizza, Berlin, und zuletzt London: Jedes Mal rasten Täter mit Fahrzeugen in Menschenmengen. In Berlin schlug der Terror auf dem Weihnachtsmarkt zu. Erst Ende März überfuhr ein Attentäter in London mit einem Auto vier Menschen.

Wer die Opfer in Stockholm sind, steht am Freitagabend noch nicht fest. In der sonst so lebhaften schwedischen Hauptstadt sind die Straßen am späten Nachmittag wie leer gefegt. Helikopter kreisen über der Stadt. Das Wochenende, auf das sich die Menschen in ihrer sonst so friedlichen Stadt gefreut haben, ist von Tod und Leid überschattet. Aber: »Schweden wird sich nicht durch diese abscheulichen Mörder einschüchtern lassen«, sagte Ministerpräsident Löfven am Abend auf einer Pressekonferenz.



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