24. April 2017, 20:43 Uhr

Wahl in Frankreich

Nur der halbe Weg zum Élysée

24. April 2017, 20:43 Uhr
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Von DPA

Der Kampf ums Präsidentenamt im Frankreich ist spannend wie selten. Die klassischen Regierungsparteien sind aus dem Rennen. Und der Favorit für das Finale in zwei Wochen ist ein Senkrechtstarter ohne Wahlerfahrung. Was dem Mitte-links-Kandidaten Emmanuel Macron Auftrieb gibt – und wo Fallstricke lauern.

? Könnte Marine Le Pen am 7. Mai zur Präsidentin werden?

Das ist möglich, aber derzeit unwahrscheinlich. Meinungsforschungsinstitute sagen einen deutlichen Vorsprung Macrons in der zweiten Wahlrunde mit 61 oder 62 Prozent vor Le Pen mit 38 oder 39 Prozent voraus. Die (noch) regierenden Sozialisten haben ihre Unterstützer bereits aufgerufen, sich hinter Macron zu stellen. Auch der ausgeschiedene konservative Kandidat François Fillon ruft zum Widerstand gegen Le Pen auf – aber wie eng die Reihen sich schließen, ist noch nicht absehbar.

? Was könnte schiefgehen für Macron?

Die offensichtliche Stärke Macrons könnte sich in eine gefährliche Schwäche verwandeln, warnt der Politologe Henrik Uterwedde vom Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg. »Die große Gefahr ist, dass viele Leute sagen ›Das Rennen ist doch eh schon gelaufen‹ und dann gar nicht mehr zur Wahl gehen. Und dann könnte es noch mal knapp werden.«

Außerdem muss Macron aufpassen, dass er nicht auf den letzten Metern patzt. Zwar hat er zwei Jahre lang als Wirtschaftsminister unter François Hollande Regierungserfahrung gesammelt. Doch ein gewähltes Amt hatte der 39-Jährige noch nie. Sein öffentlicher Jubel nach dem Etappensieg im ersten Wahlgang strahle nicht die nötige präsidiale Würde aus, mahnt Politikwissenschaftler Thomas Guénolé von der Pariser Hochschule Sciences Po. »Er benimmt sich wie ein jugendlicher König und nicht wie ein Staatsmann.«

? Also kann Europa jetzt aufatmen?

Ja – und nein. Die unmittelbare Bedrohung durch eine EU-feindliche Präsidentin Le Pen scheint gebannt. Die Gefahr wäre nicht zu unterschätzen, denn die Chefin der rechtsextremen Front National (FN) will ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft ihres Landes abhalten und Frankreich aus dem Euro führen.

Doch selbst, wenn Macron Präsident wird, bietet die Stimmung in Frankreich EU-Befürwortern weiter Grund zur Sorge. Wenn man die Stimmen für den linksgerichteten Europakritiker Jean-Luc Mélenchon hinzurechnet, haben etwa 40 Prozent der Wähler für EU-skeptische bis -feindliche Kandidaten votiert. Fazit: Ein Europafreund kann eine Wahl gewinnen – aber EU-Kritiker finden auch viel Zuspruch.

? Krempelt Macron nun Frankreich um?

Er hat in der Tat versprochen, den Reformstau zu beenden und die maue Konjunktur anzuschieben. 120 000 Stellen im öffentlichen Dienst will er streichen und in fünf Jahren 60 Milliarden Euro einsparen. Seine neu geschaffene Bewegung »En Marche!« (Auf dem Weg) könnte ihn mit ihrer Begeisterung nun in den Élyséepalast tragen.

Doch Macron hat ein großes Manko: Eine Partei mit Sitzen im Parlament ist »En Marche!« bislang nicht. Wenn ihm die Parlamentswahlen am 11. und 18. Juni keine Mehrheit bringen, hängt der mutmaßliche Präsident Macron von der Gnade der etablierten Parteien ab, also den Sozialisten und Konservativen. Die wiederum wollen nach der krachenden Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen auch ihre eigene Haut retten. Und wenn der mit großen Versprechen gestartete Reformer scheitert – dann könnte bei der nächsten Präsidentenwahl in spätestens fünf Jahren Marine Le Pen vielleicht doch noch triumphieren.



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