15. September 2017, 21:59 Uhr

Noch einmal davongekommen

Es passierte auf dem Höhepunkt der Stoßzeit im Südwesten Londons. Kurz nach acht am Freitagmorgen fährt ein U-Bahnzug im Bahnhof Parsons Green ein. Der Zug ist voll besetzt, die Fahrgäste können sich kaum rühren. Plötzlich gab es einen lauten Knall und überall waren Flammen.
15. September 2017, 21:59 Uhr
Alle Spuren werden gesichert. Nach der Explosion einer selbstgebauten Bombe in einer Londoner U-Bahn sucht die Polizei mit Hochdruck nach dem oder den Tätern. (Fotos: dpa)

Passagier Peter Crowley stand in der Nähe der anscheinend hausgemachten Bombe. »Ich hörte einen lauten Donnerschlag«, berichtete er, »er kam von den gegenüberliegenden Türen. Dann rauschte dieser Feuerball über meinen Kopf.« Crowley kam mit versengten Schläfen und verbrannten Haaren davon. Andere Passagiere erlitten schlimmere Verbrennungen, die meisten im Gesicht. Aber zum Glück gab es keine Toten.

Schon wieder eine Terrortat im Königreich. Es ist der fünfte Anschlag in diesem Jahr, bei denen es bisher 36 Tote zu beklagen gibt. Und eine Bombe in der Londoner U-Bahn weckt besonders schlimme Assoziationen. Vor zwölf Jahren, im Juli 2005, ermordeten vier Rucksackbomber 52 Menschen. Damals fand das Grauen unterirdisch statt.

Zum Glück liegt die Station Parsons Green ebenerdig. Das machte die Evakuierung des U-Bahnzugs leichter. Doch kommt es bei den Passagieren zu einer Massenpanik. Sie strömen aus dem Zug und hetzen auf die Treppen zu. Manche fallen und werden überrannt. Der »London Ambulance Service« meldete, dass 22 Menschen in Krankenhäuser eingeliefert wurden, von denen allerdings keiner in Lebensgefahr schwebe.

Der Notruf bei der Polizei ging um 8.20 Uhr ein. Binnen weniger Minuten sind die ersten Einsatzkräfte am Ort. London hat gelernt, schnell zu reagieren. Bald wimmelt es um die Station Parsons Green von Feuerwehrleuten, Ambulanzen, bewaffneten Spezialkräften und Anti-Terror-Einheiten. Über den Köpfen der Menschen knattern Hubschrauber, die das Geschehen für die Nachrichtensender filmen.

Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt schnell ein weißer, großer Eimer in einer XL-Supermarkttüte, der im Innern des Waggons nahe den U-Bahntüren steht. Passagiere hatten Fotos des noch brennenden Eimers, aus dem Drähte zu ragen scheinen, gemacht und ins Internet gestellt. Der ehemals für die Terrorabwehr verantwortliche Generalmajor Chip Chapman hält den Sprengkörper für eine selbst gebaute Dampfdrucktopf-Bombe, die anscheinend nicht vollständig explodierte, und vermutet »einen islamistisch-dschihadistischen Hintergrund«.

Der bei Scotland Yard für Terrorabwehr zuständige Mark Rowley bestätigt später, dass es sich bei der Bombe um »eine improvisierte Sprengvorrichtung« handelt. Sie soll, meldet der Nachrichtensender Sky News, mit einem Zeitzünder versehen worden sein.

Das würde bedeuten, dass es sich nicht um ein versuchtes Selbstmordattentat handelt. Stattdessen dürfte der Täter, bevor der Zug in Parsons Green einfuhr, das Paket im U-Bahnwaggon hinterlassen haben. Der Zug kam aus Wimbledon im Süden. Die Polizei wird sich jetzt auf die Bilder der Überwachungskameras in den fünf U-Bahnhöfen konzentrieren, die vor Parsons Green liegen. Auch die unvollständig explodierte Bombe wird den Fahndern eine Fülle an Informationen liefern. DNA-Spuren sollten gefunden werden können, und auch die Machart der Bombe liefert Hinweise.

Nach den Verantwortlichen und Hintermännern des jüngsten Anschlags beginnt jetzt eine Jagd, an der Hunderte von Polizisten und anderen Sicherheitskräften diverser Dienste beteiligt sind. Seit dem Abend gilt die höchste Terrorwarnstufe in Großbritannien. Die Warnstufe fünf bedeutet, dass die britischen Behörden einen unmittelbar bevorstehenden Terroranschlag für möglich halten.

In diesem Jahr kam es zu einem starken Anstieg bei der Verhaftung von Terrorverdächtigen – es gab zwei Drittel mehr Festnahmen als im Vorjahr. »Seit den Attacken von London und Manchester hat es eine deutliche Verstärkung gegeben«, meint Neil Basu, der für die nationale Koordinierung der Terrorabwehr zuständig ist. »Das bedeutet einfach, dass es da draußen mehr Leute gibt, die bereit sind anzugreifen.« Rund 3000 sogenannte »subjects of interest«, also Terrorverdächtige, kennen die Sicherheitskräfte in Großbritannien, weitere 20 000 Personen gelten als mögliche Sympathisanten. Und zurzeit werden rund 500 geplante Terroranschläge untersucht. Angesichts dieses Ausmaßes der Bedrohung überrascht es, dass die Terrorwarnstufe nur auf dem zweithöchsten Level liegt.

Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan war einer der ersten Politiker, die auf den Anschlag reagierten. »London hat wieder und wieder bewiesen«, sagte er, »dass wir niemals von Terrorismus eingeschüchtert oder besiegt werden.« Der Außenminister Boris Johnson forderte seine Landsleute auf »die Ruhe zu bewahren und ganz normal weiterzumachen«. Die Premierministerin Theresa May eilte aus ihrem Wahlkreis Maidenhead zurück nach London, wo sie am Nachmittag eine Sitzung des Krisenstabes Cobra leitete.

Die Londoner reagierten auf den Anschlag mit einer Mischung aus Stoizismus und Hilfsbereitschaft. James Edge etwa twitterte, dass »jeder, der jetzt in Parsons Green/Fulham feststeckt« ihm Bescheid sagen solle, und er würde ihn abholen.

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