18. Juli 2019, 21:38 Uhr

Mit äußerster Vorsicht zu genießen

18. Juli 2019, 21:38 Uhr
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Von Thomas J. Spang
In der Anwendungs-Software »FaceApp« sehen die US-Demokraten wegen ihres Umgangs mit persönlichen Daten ein nationales Sicherheitsrisiko und eine Gefahr für Millionen US-Bürger. (Foto: dpa)

Der Rapper Drake macht es ebenso wie der Baskeballer LeBron James oder die Jonas Brothers - die Stars ändern mithilfe von »FaceApp« ihre Gesichter. Wie Millionen anderer Nutzer des Programms, das seit 2017 für die mobilen Betriebssysteme iOS und Android zur Verfügung steht, machen sie sich wahlweise älter oder jünger, fügen sich Falten und graue Haare hinzu oder ein Lächeln.

Nicht zuletzt auch wegen der Verbreitung der veränderten Bilder der Pop-Ikonen in den sozialen Netzwerken erlebt »FaceApp« einen rasanten Aufstieg. In Apples App Store und Googles Play Store toppte die App sogar beliebte Anwendungen wie WhatsApp oder Instagram und lag zeitweilig auf dem ersten Platz. Neben der kostenfreien Version gibt es eine werbefreie Variante, für die Nutzer einmalig 44 Euro zahlen oder ein Jahresabo für 20 Euro abschließen müssen.

Das ließ es in den Kassen der russischen Firma Wireless Lab aus Sankt Petersburg kräftig klimpern. Chef Yaroslav Goncharovdes verging das Lachen, seit Experten in den USA vor dem Gebrauch der spaßigen App warnen. Der für die digitale Sicherheit bei den US-Demokraten zuständige Bob Lord wies alle Präsidentschaftswahlkämpfer seiner Partei an, »FaceApp« unverzüglich von allen Geräten zu entfernen. »Es ist nicht klar, was die Risiken für die Privatsphäre sind«, schrieb Lord an die Parteifreunde. »Aber es ist klar, dass die Vorteile überwiegen, die App zu vermeiden.« Die Demokraten waren 2012 Ziel einer aus Sankt Petersburg gesteuerten digitalen Desinformationskampagne geworden, die mit einem Hacker-Angriff auf die Rechenzentrale der Partei ihren Auftakt genommen hatte.

Darauf bezog sich der Fraktionsführer der Demokraten im US-Senat, Chuck Schumer, in seinem Brief an die Bundespolizei FBI. Schumer äußerte darin die Sorge, dass FaceApp »ein Risiko für die nationale Sicherheit und die Privatsphäre von Millionen US-Bürgern« darstellen könnte. Er forderte eine Überprüfung der App und ihrer Entwickler.

Was Sicherheitexperten umtreibt, ist das Kleingedruckte in den allgemeinen Geschäftsbedingungen, denen die meisten Nutzer ungelesen zustimmen. Die russische Firma erhält dadurch weitgehende Rechte eingeräumt: Die Nutzer erlauben, von »FaceApp« erfasste Gesichtserkennungdaten automatisch auf entfernte Server zu schicken, wo sie mithilfe künstlicher Intelligenz verändert werden. Inhalte dürfen auf den fremden Rechnern verbleiben, selbst wenn die Nutzer sie auf ihren Geräten löschen. Die Daten dürfen kommerziell genutzt und ohne Rücksprache an Dritte weitergegeben werden. Nutzerdaten, wie zum Beispiel die IP-Adresse und Informationen über die benutzten Geräte, können gespeichert werden. Schließlich darf Wireless-Lab-Chef alle erfassten Daten einem potenziellen Käufer oder Dritten zur weiteren Nutzung überlassen

Der russische Entwickler Goncharovdes antwortete in den US-Medien auf die Kritik. Gerichtsstand seiner Firma sei nicht Russland, sondern das Silicon Valley. Daten würden binnen 48 Stunden nach dem Hochladen gelöscht und die eingesetzten Server gehörten Amazon und Google. Ausdrücklich widersprach der Wireless-Lab-Chef Spekulationen, wonach das Programm automatisch die gesamte Fotobibliothek von Nutzern im Hintergrund auf die Server seines Unternehmens lädt. Die Sicherheitsexpertin Kate O’Neill sagte gegenüber der »Washington Post«, trotz aller Versicherungen durch das Unternehmen bleibe der Umgang mit der Privatsphäre schwammig. Die erfassten Gesichtserkennungsdaten ließen sich in einer Weise nutzen, »wie die Leute es gewiss nicht gewollt hätten«.



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