28. Juni 2017, 22:19 Uhr

Mit Rad und rotem Schal

Mit 78 Jahren verlässt Hans-Christian Ströbele den Bundestag. Aber: Er will sich weiter einmischen. Der Grünen-Gründer über den Spaß am Dagegenhalten, dicke Aktenordner und den großen Traum vom Eselzüchten.
28. Juni 2017, 22:19 Uhr
Er wird noch keine Esel züchten: Der langjährige Grünen-Abgeordnete Christian Ströbele will auch nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag weiterhin politisch aktiv bleiben. (Foto: dpa)

Das Fahrrad und der rote Schal sind seine Markenzeichen. Hans-Christian Ströbele ist einer der bekanntesten Grünen, ein linker Querdenker und Pazifist, der stets seinem Gewissen folgt. Dem nächsten Bundestag wird der 78-Jährige nicht mehr angehören. Im Interview sagt er, was er eigentlich mal fürs Alter geplant hatte – und was er jetzt stattdessen vorhat.

Als ehemaliges Mitglied der APO (Außerparlamentarischen Opposition): Hatten Sie überhaupt vor, in den Bundestag einzuziehen?

Hans-Christian Ströbele: Ich habe überhaupt keine Karriereplanung gehabt. Wenn Sie mich noch 1970 oder 1975 gefragt hätten, hätte ich gesagt: Wie kommst du denn darauf, so etwas Verrücktes? Das ist erst im Laufe der Zeit entstanden, als wir aus der sozialen Bewegung heraus zu der Überzeugung kamen: Wir sind mit 100 000 Demonstranten im Bonner Hofgarten vertreten, warum nicht auch im Bundestag? Das habe ich sofort eingesehen und mitgewirkt an der Gründung der Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz und später der Grünen.

Mit Ihren Prinzipien gehen Sie Kollegen auch mal auf die Nerven – auch der eigenen Partei. Macht das auch Spaß?

Ströbele: Ja! (grinst) Klar! Wobei ich auch sagen muss, ich bin eigentlich gar nicht der Typ dafür. Mir fällt es sehr häufig schwer, dann wirklich aufzustehen und mich zu melden. Wenn ich merke, das ist gegen den gesamten Mainstream und alle gucken so böse oder sitzen nur schweigend da, da muss ich mich schon überwinden. Danach macht es dann schon Spaß, wenn ich richtig in Form bin und auch sehe, dass sich viele Leute darüber aufregen und ich einen wunden Punkt treffe.

Sie wurden viermal hintereinander in Ihrem Wahlkreis Kreuzberg-Friedrichshain per Direktmandat in den Bundestag gewählt, das gibt einem sicher auch eine besondere Freiheit, oder?

Ströbele: Mich hat seit 2002, seit ich direkt gewählt wurde, das Direktmandat nicht nur geehrt, sondern es hat mir auch eine sehr eigenständige Position im Bundestag beschert. Joschka Fischer hat mal gesagt, als es um einen Kriegseinsatz ging: Der Ströbele ist gewählt worden, weil der dagegen ist, der darf das auch.

Gibt es Momente, etwa bei Abstimmungen, an denen Sie rückblickend anders gehandelt hätten?

Ströbele: Nein. Ich habe es mir immer sehr gut überlegt. Ich habe auch nie in Schnellschüssen gehandelt. Was die wenigsten wissen: Bei den ganz schwierigen Fragen, zur Bankenkrise, zur Hilfe für Griechenland, da habe ich bei fast allen Entscheidungen dagegen gestimmt. Da hinten sind zehn Leitz-Ordner. Sie sehen, dass ich mich wirklich damit beschäftigt und durch die Materie gequält habe.

Hier in Ihrem Büro stehen meterweise Akten, was machen Sie eigentlich damit?

Ströbele: Diese Akten habe ich alle noch einmal durchgesucht und markiert. Je nach den Punkten kommen sie ins Archiv oder ins Anwaltsbüro. Ich werde etwas schreiben. Aber ob das eine Biografie ist oder etwas zu einzelnen Themenbereichen – APO, RAF, Bundestag, Afrika, Lateinamerika – das weiß ich nicht. Ich will schreiben, wie es wirklich war.

Kann man sich nach all den Jahrzehnten überhaupt wirklich aus der Politik zurückziehen?

Ströbele: Das will ich ja gar nicht. Es gibt auch ein politisches Leben und ein politisches Einmischen, wenn man nicht im Bundestag ist. Ich habe das vorher 35 Jahre lang praktiziert, von der APO über verschiedene Bewegungen und Initiativen. Ich war ja von 1985 bis 1987 im Bundestag und dann bis 1998 nicht. Auch da war ich politisch sehr engagiert. Ich war mal Bundesvorsitzender der Grünen, ich war hier Landesvorsitzender, habe die erste rot-grüne Koalition in Berlin mit ausgehandelt. Ich werde mich nicht in den Ruhestand begeben und leider noch nicht Esel züchten, obwohl ich das gerne täte.

Aber warum erfüllen Sie sich diesen Traum nicht?

Ströbele: Weil mich noch immer umtreibt, was mich seit 1967 umtreibt. Ich will noch was verändern, ich will die Welt verändern.

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