Hintergrund

Korsett statt Konzept?

Es kann das größte Fernsehereignis des Jahres werden: Das TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Herausforderer Martin Schulz (SPD) dürfte am Sonntag gut und gerne 15 Millionen Menschen vor die TV-Bildschirme locken, vielleicht auch mehr. Das Finale im Confederations Cup zwischen Deutschland und Chile sahen am 2. Juli 14,69 Millionen im ZDF und es nimmt bisher noch Platz eins in der Jahres-Quotenwertung ein vor dem Münster-»Tatort«: »Fangschuss« im April mit 14,56 Millionen.
31. August 2017, 22:27 Uhr
DPA

Es kann das größte Fernsehereignis des Jahres werden: Das TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Herausforderer Martin Schulz (SPD) dürfte am Sonntag gut und gerne 15 Millionen Menschen vor die TV-Bildschirme locken, vielleicht auch mehr. Das Finale im Confederations Cup zwischen Deutschland und Chile sahen am 2. Juli 14,69 Millionen im ZDF und es nimmt bisher noch Platz eins in der Jahres-Quotenwertung ein vor dem Münster-»Tatort«: »Fangschuss« im April mit 14,56 Millionen.

Doch während bei einem Fußballspiel oder einem Krimi Regelwerk und Dramaturgie feststehen, wurde beim TV-Duell der Kanzleraspiranten im Vorfeld lange um die Modalitäten gefeilscht. Wenn es nach den vier ausstrahlenden Sendern – ARD, ZDF, RTL und Sat.1 – gegangen wäre, dann hätte es (wie einmal 2002 mit Gerhard Schröder und Edmund Stoiber mit jeweils mehr als 15 Millionen Zuschauern) zwei Duelle gegeben. Doch das war mit der Amtsinhaberin nicht zu machen. Sie wollte nur ein einziges Aufeinandertreffen mit dem Rivalen. Auch der Verlauf des nun einmaligen Aufeinandertreffens wurde wesentlich durch die Vorgaben aus dem Bundeskanzleramt bestimmt. Die Sender wollten ihre Moderatorenpaare – Peter Kloeppel (RTL) mit Maybrit Illner (ZDF) sowie Claus Strunz (Sat. 1) mit Sandra Maischberger (ARD) – gerne nacheinander in zwei Blöcken antreten lassen, um die Themen zu vertiefen. Auch da kam das Veto aus Kanzlerkreisen. Die Paare sollen sich je nach Themenblock abwechseln. Die Programmveranstalter schluckten auch diese Kröte.

Kritik von vielen Seiten

»Was uns in diesem Jahr geboten wird, ist kein Konzept, sondern ein Korsett«, kritisierte der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler. »In eine gepanzerte Form wird gepresst, was eigentlich nur dann funktionieren kann, wenn die Form dem Inhalt folgen würde – ein argumentativer Austausch zwischen sachkompetenten Menschen.« ARD-Chefredakteur Rainald Becker hatte schon vor der endgültigen Festlegung der Regeln gewarnt, dass eine »Konstellation mit vier journalistischen Fragestellern und zwei Spitzenpolitikern – wie vom Kanzleramt gewünscht – unglücklich« sei. Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Frank Überall, wunderte sich, dass der Regierungssprecher den Duellverlauf vorschreiben könne. »Die Sender hätten im Zweifel lieber auf das Duell verzichten sollen, als sich den Wünschen der Kanzlerin zu beugen.«

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/ueberregional/mantelredaktion/hintergrund/Hintergrund-Korsett-statt-Konzept;art476,307620

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