19. Oktober 2017, 22:02 Uhr

Junge Dschihadisten

Kinder des Terrors

19. Oktober 2017, 22:02 Uhr

Als der Junge auf den Abzug der Pistole drückt, verzieht er keine Miene, er will keine Angst zeigen. Die Waffe hält er mit beiden Händen, die Arme durchgestreckt. Das gefesselte Opfer, ein Gefangener der IS-Terrormiliz, kippt nach vorn. Der Junge schießt noch mal und noch mal, dann streckt er den rechten Arm mit der Pistole in der Hand nach oben und schreit »Allahu akbar«.

Das Opfer verliert in diesem Moment sein Leben – und der Schütze seine Kindheit und Unschuld. Als er abdrückt, ist er vielleicht 13 Jahre alt, so jung jedenfalls, dass in seinem Gesicht noch nicht einmal ein dünner Flaum zu sehen ist. Ein Video der Terrormiliz IS hat jedes Detail dieser Tat festgehalten.

Der Film ist ein Beleg dafür, wie kaltblütig die Terrormiliz Kinder für ihre Zwecke einsetzt. In IS-Propagandavideos tauchen Minderjährige auch als Kämpfer auf. Zeitweise sollen die Extremisten sogar eigene Rekrutierungsbüros eingerichtet haben, um Nachwuchs anzuwerben. Aber auch Kinder, die einer Rekrutierung entgingen, indoktrinierte der IS in Schulen mit seiner Ideologie.

Radikalisiert und traumatisiert

Das weckt Sorgen, dass eine neue Generation von Dschihadisten entsteht, die die Miliz auch nach ihrer militärischen Niederlage in Syrien und im Irak weiterleben lässt. Und: Dass Kinder ausgereister deutscher IS-Kämpfer in die Bundesrepublik zurückkommen könnten – radikalisiert, stramm radikalislamistisch erzogen und traumatisiert. Verfassungsschützer schätzen das als großes Sicherheitsrisiko ein.

»Wir sehen die Gefahr, dass Kinder von Dschihadisten islamistisch sozialisiert und entsprechend indoktriniert aus den Kampfgebieten nach Deutschland zurückkehren«, sagt Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen. »Damit könnte auch hier eine neue Dschihadisten-Generation herangezogen werden.« Dieses Risiko müsse man genau im Blick haben.

Rund 950 Islamisten aus Deutschland sind über die Jahre Richtung Syrien und Irak ausgereist, um sich dort dem IS anzuschließen. 20 Prozent davon waren Frauen, fünf Prozent minderjährig. Manche der Frauen reisten mit ihren Männern – und Kindern – aus, andere brachten erst in den Kampfgebieten Kinder auf die Welt, Kinder von IS-Kämpfern.

Der IS hat zuletzt riesige Gebiete in Syrien und im Irak verloren. Der Verfassungsschutz rechnet damit, dass aufgrund der Lage nun IS-Frauen mit ihren Kindern zurückkommen könnten. Eine soll Nadja R. sein: eine 31-Jährige, die laut HR erst in Süddeutschland, später in Hessen lebte und 2014 nach Syrien aufbrach, dort einen deutschen IS-Kämpfer heiratete und mit ihm zwei Kinder bekam. Sie müht sich nun, nach Deutschland zurückzukommen, mithilfe des Außenamts. Laut HR beteuert sie, sie sei nicht gefährlich. Ist das glaubwürdig? Und was ist mit ihren Kindern?

Minderjährige Attentäter

Gerade ältere Kinder seien durch den IS schon radikalisiert und in Syrien und dem Irak alltäglichen Gewalterfahrungen ausgesetzt gewesen, warnen Verfassungsschützer. Diese Sozialisation könne durch den Einfluss salafistischer Milieus in Deutschland noch verstärkt werden. So könnten Dschihadisten der zweiten Generation heranwachsen.

Drei islamistische Attacken in Deutschland 2016 gingen bereits auf das Konto von Minderjährigen: die Messerattacke einer 15-Jährigen auf einen Polizisten am Hauptbahnhof Hannover, der Bombenanschlag von zwei Jugendlichen auf ein Gebetshaus der Sikhs in Essen und der Axtangriff eines 17-Jährigen in einer Regionalbahn bei Würzburg.

Setzen die riesigen Gebietsverluste des IS in Syrien und dem Irak nun eine neue Rückreisewelle in Gang? Darüber wollen heute auch die Innenminister der G7-Staaten auf Ischia reden.

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