08. Mai 2017, 20:51 Uhr

Keine Zeit für Katerstimmung

08. Mai 2017, 20:51 Uhr
JU
Unbeirrt lobte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz gestern in Berlin die soziale Marktwirtschaft. (Foto: dpa)

Nach der verheerenden SPD-Wahlschlappe in Schleswig-Holstein herrscht im Berliner Willy-Brandt-Haus, der Parteizentrale, noch immer Entsetzen. Eigentlich, so heißt es hier, müsste Martin Schulz jetzt irgendwo in Münster, Dortmund, Gelsenkirchen oder Köln versuchen, noch unentschlossene Wähler zu überzeugen, ihr Kreuz am Sonntag bei der SPD zu machen. Stattdessen zwingt der Terminkalender den Kanzlerkandidaten zu einem Auftritt, bei dem es für ihn wohl keine einzige Wählerstimme zu holen gibt.

Bei der Industrie- und Handelskammer in Berlin soll er eine wirtschaftspolitische Grundsatzrede halten. Wie unpassend lang geplante Termine doch manchmal durch aktuelle Entwicklungen werden können: Mit den Unternehmern hat der Mann, der sich selbst vor allem als Anwalt der kleinen Leute darstellt, ein denkbar schweres Publikum. Zuletzt hatten Arbeitgeber sogar vor den Gefahren einer rot-rot-grünen Bundesregierung unter Schulz gewarnt.

Imageverlust im Norden

Ausgerechnet jetzt muss der oberste Genosse den deutschen Unternehmern seinen Respekt zollen, bei der Wirtschaft um Vertrauen werben und unbezahlbaren Wahlversprechen eine Absage erteilen. Mit ihm werde es weder unerfüllbare Sozialversprechen noch unerfüllbare Steuerversprechen geben, sagt Schulz. Als ehemaliger Buchhändler kenne er Sorgen und Nöte der Unternehmer, sagt Schulz, lobt die soziale Marktwirtschaft nach dem Modell des CDU-Mannes Ludwig Erhard, aber auch die Wirtschaftspolitik des letzten SPD-Kanzlers Gerhard Schröder. Unbeirrt hält Schulz die offenbar lange vor der Schleswig-Holstein-Schlappe verfasste Rede an die Wirtschaft. Dass diese nun im Lichte des Fanals im Norden aufmerksam beobachtet wird, für die Strategen in der Parteizentrale ist das »eine mittlere Katastrophe«.

Denn nach dem Desaster in Kiel bleiben dem Parteivorsitzenden nur noch wenige Tage Zeit bis zum noch viel wichtigeren Urnengang in Nordrhein-Westfalen. Statt der Wirtschaft seine Aufwartung zu machen, sagen Parteistrategen, müsste Schulz sich doch jetzt vor allem an die sogenannten »kleinen Leute« wenden, an Arbeiter, Arbeitslose, Rentner. Denn bei einer Niederlage in seiner Heimat, dem bevölkerungsreichsten Bundesland, drohen die Träume des Mannes aus Würselen vom Kanzleramt zu platzen. Und damit auch der Traum der SPD, eine künftige Bundesregierung anzuführen. Damit dies nicht geschieht, wollen sie bei den Sozialdemokraten nun »die Ärmel hochkrempeln und den Helm aufsetzen«. Und die erste Aufgabe ist dabei, den Mythos vom Schulz-Effekt irgendwie am Leben zu halten.

Dass es nicht an Martin Schulz gelegen hat, das betonen am Tag nach der Schleswig-Holstein-Schlappe viele in der SPD. Und allen ist klar, wer die Verantwortung tragen muss. Zum alleinigen Sündenbock auserkoren ist der schleswig-holsteinische Ministerpräsident. Thorsten Albig, der sich auch nach eigenem Eingeständnis damit schwertut, auf Menschen zuzugehen. Der in Wahlkampfauftritten arrogant und belehrend wirkte. Der, vielleicht um sein sprödes Image zu korrigieren, der Illustrierten »Bunte« eine Homestory gewährte, in der er über die Trennung von seiner Frau nach 27 Jahren Ehe und seine neue Liebe berichtete. Und sich dabei nach Meinung vieler Schleswig-Holsteiner abfällig über seine Ex-Frau äußerte, die, so Albig »in ihrer Rolle als Mutter und Managerin unseres Haushalts gefangen« gewesen sei. So sei kein Austausch »auf Augenhöhe« möglich. Viele in der SPD glauben nun nicht nur, dass Albigs politische Karriere bald beendet sein wird, sie wünschen es sich sogar.

Schulz müsse nun einerseits mit aller Kraft in Nordrhein-Westfalen für Hannelore Kraft trommeln, doch das sei andererseits natürlich nicht ohne Risiko. Nur mit einem Sieg im sozialdemokratischen Stammland könne Schulz sich weiter berechtigte Hoffnungen auf die Kanzlerschaft machen. Weil die NRW-Wahl damit aber endgültig auch zur Schulz-Wahl wird, zum Heimspiel für den Mann aus Würselen, steht die gesamte SPD-Strategie auf dem Spiel. Bei einer weiteren Niederlage wäre der viel- bemühte Schulz-Effekt endgültig Geschichte, das räumen auch die Strategen im Willy-Brandt-Haus ein. Dann könnte sogar eine Diskussion um die Person des Vorsitzenden beginnen.

Erste Ansätze sind in den Gesprächen um die Lehren aus der jüngsten Wahlschlappe schon zu hören: »Wirkte Schulz zuletzt nicht etwas angeschlagen, war er vielleicht im Wahlkampf in Schleswig-Holstein und bisher in Nordrhein-Westfalen zu wenig präsent?« Noch ist das Murren leise.

Unerwartete Hoffnung

Und selbst für den Fall einer weiteren Niederlage kommende Woche wird Schulz schon vorsorglich aus der Schusslinie genommen. Wenn die nordrhein-westfälische SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft etwa sagt, dass sie nicht auf den »Schulz-Effekt« hoffen wolle. »Wir haben uns in Nordrhein-Westfalen immer auf uns selbst verlassen«, so Kraft. Die SPD legt sich also schon jetzt Argumente gegen die drohende völlige Demontage ihres Hoffnungsträgers zurecht: Wenn es in Nordrhein-Westfalen klappt, liegt es an Schulz, wenn es schiefgeht, an Kraft. Und damit es eben nicht schiefgeht, wollen die Genossen nun auf der Zielgeraden an Rhein und Ruhr alles geben.

Unerwartet große Hoffnungen ruhen dabei ausgerechnet auf Sigmar Gabriel, der nach seinem Rücktritt von Parteivorsitz und Kanzler-Plänen in der SPD so beliebt ist wie nie zuvor. Doch auch der hatte gestern aus terminlichen Gründen zunächst wenig zur Aufarbeitung der Klatsche im Norden oder zum Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen beizutragen. Während Martin Schulz seinen Auftritt vor eher skeptischen Wirtschaftsvertretern abspulte, stellte Gabriel zusammen mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sein neues Buch vor. »Neuvermessungen« heißt es, der Außenminister fordert darin ein selbstbewussteres Europa. Auch nichts, womit die Wahl in Nordrhein-Westfalen zu gewinnen wäre, befürchten sie im Willy-Brandt-Haus.

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