02. Februar 2017, 23:05 Uhr

Generation Misstrauen?

02. Februar 2017, 23:05 Uhr

Wie steht es um das Vertrauen zwischen den Generationen in Deutschland, wenn es um grundlegende Werte wie den Erhalt der Demokratie geht? Das Deutsche Kinderhilfswerk hat für seinen neuen Kinderreport 2017 nachgefragt und gestern in Berlin das Ergebnis präsentiert: Zwei Drittel der Erwachsenen hegen keine Zweifel, dass die junge Generation später Verantwortung dafür übernimmt. Einem Drittel fehlt bei dieser Frage das Vertrauen in Kinder und Jugendliche. Bei der Interpretation dieser Zahlen gehen die Meinungen auseinander. Und die Gründe für das Misstrauen geben Rätsel auf.

Thomas Krüger, Präsident des Kinderhilfswerks, nennt das Umfrageergebnis »besorgniserregend«. »Eine Gesellschaft kann kippen, wenn mehr als 25 Prozent der Menschen den Glauben an etwas verlieren«, sagt er. Auch sei es die Aufgabe der jetzigen Erwachsenengeneration, die Jugend auf die Verteidigung demokratischer Werte vorzubereiten. Wenn sie Zweifel an der nächsten Generation hege, werde es schwierig. Als Vizepräsidentin des Bundestags wertet Petra Pau (Linke) das Ergebnis als »Alarmsignal«: »Rechtspopulisten sind auf dem Vormarsch. Das birgt Gefahren für die Demokratie.«

Jugendforscher Klaus Hurrelmann sieht Vertrauenswerte bei zwei Dritteln der Erwachsenen mit Blick auf den Demokratieerhalt dagegen als Vertrauensbeweis. »Es ist überraschend, dass dieser Wert so hoch ist. Ich hätte ihn positiv interpretiert«, sagt er. Denn die Vorurteile der älteren Generation seien sonst enorm. Es gebe in Deutschland viele Zweifel, ob die junge Generation das Erbe der bestehenden Gesellschaft fortsetze.

Die Umfrage belegt, dass die jüngeren Erwachsenen zwischen 18 und 44 Jahren die größten Zweifel an der späteren Demokratiefähigkeit der Jugend haben. Insgesamt haben AfD- und Linke-Sympathiesanten mit Abstand das geringste Vertrauen. Und Geringverdiener zweifeln mehr als Gutsituierte. Weitgehende Einigkeit herrscht dagegen bei der Frage, wer bei der Demokratieerziehung die Hauptverantwortung hat. 90 Prozent sehen sie bei den Eltern, 65 Prozent bei Kita und Schule, ein gutes Zehntel bei Sportvereinen und politischen Parteien.

Nach den Gründen für das Misstrauen gegenüber der Jugend will das Kinderhilfswerk erst beim nächsten Report fragen. Bis dahin kann Präsident Krüger nur spekulieren. Er überrascht mit einer These: Vielleicht liege es gar nicht an der Jugend, sondern an den Erwachsenen, sagt er.

Ein Monitor für Sachsen-Anhalt zeige zum Beispiel, dass Kinder und Jugendliche die größten Abwehrkräfte gegen Rechtsextremismus hätten. Denn viele wüchsen bereits in Schule und Nachbarschaft in einer heterogenen Gesellschaft auf. Die Problemgruppe mit Blick auf die Anfälligkeit für rechtsextreme Positionen seien beim Monitor vielmehr die berufstätigen Erwachsenen. Vielleicht kaprizierten sie ihre eigenen Zweifel an der Demokratie auf ihre Kinder, mutmaßt Krüger.

Die Jugend selbst ist für den Kinderreport 2017 nicht nach ihrer Sicht auf die Verteidigung demokratischer Werte gefragt worden. Eine einleuchtende Erklärung dafür hatten die Macher nicht.

Die Shell-Jugendstudien zeigten, dass die Einstellungen zur Demokratie als Staatsform bei jungen Leuten wachse, berichtet Jugendforscher Hurrelmann. Was sinke, sei dagegen das Vertrauen in Strukturen wie Parlamente und Parteien. »Es ist kein Misstrauen. Aber auch kein Vertrauen, eher eine Art Entfremdung«, ergänzt er.

Ungeduldige Klientel

Junge Leute seien ein ungeduldiges Publikum. In ihren Familien und digitalen Welten seien sie es gewohnt, Dinge schnell beeinflussen zu können. »Langwierige Prozesse wie in einer Demokratie leuchten ihnen nicht ein.« Allerdings zeige sich gerade eine Art Trump-Effekt. Der Regierungsstil des US-Präsidenten schrecke viele junge Leute ab – und könne vielleicht sogar als positives Mittel gegen die schleichende Politikverdrossenheit der Jugend wirken.

An Demokratieakzeptanz und Engagement mangele es Kindern und Jugendlichen nicht, betont auch Thomas Krüger. Bei den Befragungen für den Kinderreport wünschten sich fast alle noch mehr Mibestimmung in der Familie – und in der Schule. »Es geht darum, den Fächerkanon Politik, Geschichte und Sozialkunde hochzuhalten. Er spielt an Haupt-, Real- und Berufsschulen eine verschwindend geringe Rolle«, sagte Krüger. Politische Bildung müsse auch Thema in Kitas und Grundschulen werden.

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