09. Oktober 2017, 22:06 Uhr

Gefürchtete Gesichter

Es war ein Herbst, der von Plakaten bestimmt war – denn 1977 hingen sie überall: in den Straßen, den Rathäusern, den Postämtern. Auf ihnen zu sehen waren Gesichter in Schwarz-Weiß, darunter Namen, die sich ins Gedächtnis der Nation einbrennen sollten.
09. Oktober 2017, 22:06 Uhr
Avatar_neutral
Von Tim Brückmann

Als im September und Oktober 1977 die Gewalt der Roten-Armee-Fraktion (RAF) eskalierte, arbeitete die Polizei mit Hochdruck daran, bekannte Terroristen ausfindig zu machen. Die Bevölkerung sollte helfen, und so war die Republik zugepflastert mit Fahndungsfotos. Der rechts abgedruckte Aufruf zur Mithilfe erschien am 31. Oktober in unserer Zeitung – da waren die Schleyer-Ermordung und »Landshut«-Entführung schon passiert. Und die Bevölkerung eilte dem Staat zuhilfe: Über 15 000 Hinweise gingen bis Ende Oktober bei der Polizei ein, wie diese Zeitung damals schrieb. Insgesamt sollte die eingerichtete SOKO rund 27 000 Meldungen von Bürgern erhalten: Darunter eine, die tatsächlich zum Versteck Schleyers geführt hätte. Doch der Hinweis – wie das Bundeskriminalamt rückblickend festhält – »versandete in einer Schwachstelle des Nachrichtenflusses zwischen Bund und Land«.

So behalf man sich mit den Fahndungsplakaten, die die ernst dreinschauenden Terroristen zum Dauerblickfang werden ließen. Quälend für diejenigen, die einen Bezug zu den Personen auf den Bildern hatten: Julia Albrecht etwa, jüngere Schwester der am Mord an Jürgen Ponto beteiligten RAF-Terroristin Susanne Albrecht, erzählte Jahrzehnte später in einem Interview, dass sie in der Anfangsphase spezielle »Susanne-Umgehungswege« zur Schule lief, um dem Gesicht der geliebten Schwester auf den Plakaten nicht begegnen zu müssen.

Frage der Zeit

Anders Christof Wackernagel (auf dem Plakat fälschlicherweise Christoph genannt): Schon während der Haft entdeckte das RAF-Mitglied seinen Hang zum Schreiben, distanzierte sich von der Baader-Meinhof-Gruppe, wurde Autor und ist heute vor allem durch seine Auftritte in Fernsehfilmen bekannt. 2008 sagte er über die RAF: »Helmut Schmidt haben wir in eine Situation gebracht, zwischen Tod und Tod zu entscheiden. Das ist eine unglaubliche Zumutung einem Menschen gegenüber. Jetzt bin ich ja erst nach der Schleyer-Entführung zur RAF gestoßen. Aber eigentlich müsste man diesem Mann zu verstehen geben: Das war richtig scheiße.«

Reue und Rechtfertigung

Über Rolf Clemens Wagner wurde später bekannt, dass er vermutlich der direkte Mörder des entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyers gewesen ist. Von 1985 bis zu seiner Begnadigung 2003 saß er im Gefängnis. Wagner verstarb 2014. Inge Viett war 1977 noch Teil der terroristischen »RAF-Alternative« Bewegung 2. Juni gewesen. Erst 1980 löste sich diese Vereinigung auf und schloss sich der RAF an. Viett war von 1993 bis 1997 in Haft, nach ihrer Entlassung auf Bewährung betätigte sie sich als Autorin. Von den Verbrechen der RAF hat sie sich nie distanziert, teilweise verteidigte sie stattdessen die damaligen Aktionen und rief 2011 dazu auf, dass das Gebot der Stunde »der Aufbau einer revolutionären kommunistischen Organisation mit geheimen Strukturen« sein müsse – und wurde prompt zu einer Geldstrafe verurteilt. Brigitte Mohnhaupt gilt als Anführerin der zweiten Generation der RAF, auch der rechts abgebildete Christian Klar gehörte zu diesem Führungszirkel. Ihnen beiden rechnet man die Befehlsgewalt hinter den Anschlägen und Entführungen im Jahr 1977 zu. Nach längeren Haftstrafen ist Mohnhaupt seit 2007, Klar seit 2008 wieder auf freiem Fuß.

Die Welle der Fahndungsplakate endete nicht mit Jahresfrist: Bis in die 1990er Jahre hinein, als die dritte Generation der RAF die Republik erneut in Aufruhr versetzte, blieben die Steckbriefbilder der flüchtigen Terroristen Teil der umfangreichen Fahndung. Noch heute wird vereinzelt nach Ex-RAF-Mitgliedern gesucht: Drei von ihnen sollen erst letztes Jahr eine Serie von Überfällen auf Geldtransporte begangen haben. Auch wenn die linksterroristische Gruppe sich offiziell 1998 auflöste, hat die Bundesrepublik das Trauma RAF bis heute nicht überwinden können.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos